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Es gibt nicht den einen richtigen Weg bei der Energieversorgung

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 

KOMMENTAR 

 

Das Stromproblem in Europa in einem Bild zusammengefasst: Es fehlen bisher mehr als 80 TWh Atomstrom und mehr als 60 TWh aus Wasserkraft. Das wird teilweise kompensiert durch Wind, Solar sowie Gas und Kohle. 20 TWh fehlen aber. Die Ursachen liegen in dem massiven Ausfall der französischen Kernkraftwerke sowie in der Trockenheit im Sommer 2022.

 

Wer glaubt, dieses Klumpenrisiko sei bald behoben, träumt einen gefährlichen Traum. Die französische Energieministerin kündigt mit ständig anderen Daten eine Wiederaufnahme der Produktion im Frühjahr bis Sommer 2023 an. Der maßgebliche teilstaatliche Konzern EDF stand aber vor der Pleite und wurde inzwischen komplett verstaatlicht. Neben dem technischen Klumpenrisiko ist das auch ein organisatorisches. Der Kraftwerkspark ist veraltet und weder die Planung der Wartungen, noch der Neubauten überzeugen. Dieses Klumpenrisiko wird Europa nicht so schnell los. Nebenbei bemerkt: Die 20 TWh geringerer Produktion wurden nicht in Frankreich gespart, dort ist der Stromverbrauch sogar leicht gestiegen!

 

Bei der Wasserkraft hängt es vom Wetter ab. Möglich, dass es nun auch mal wieder einen weniger trockenen Sommer gibt, aber der Trend ist leider auch hier klar: Das wird in den nächsten Jahren nicht besser, sondern eher noch schwieriger. Auch dieses Klumpenrisiko wird also nicht verschwinden.

 

Das dritte Risiko im europäischen Strommarkt ist in dem Chart nicht zu sehen: Das ist die Importabhängigkeit einiger Staaten, die den europäischen Strommarkt als teilweise sehr günstigen Selbstbedienungsladen genutzt haben und ihre eigenen Produktionskapazitäten nicht ausgebaut haben. Dies sind vor allem Italien, Österreich und die Niederlande.

 

Wir haben also in Europa zwei Klumpenrisiken in der Produktion und eine ganze Reihe von „Defizitländern“, die zur Stabilität des gesamten Systems aber versorgt werden müssen. Diese Risiken sind in Deutschland gar nicht vorhanden! Das wird bei der Diskussion über die dumme deutsche Energiepolitik vollkommen übersehen.

 

Der Fehler der letzten Jahre liegt in der Abhängigkeit vom Gas, der ökologische Fehler in der Kohle. Das wurde durch die Abschaltung gut funktionierender Kernkraftwerke nicht besser, aber bezüglich der Stromversorgung auch nicht schlechter. Der immer noch geringe Gasanteil beim Strom kann hier auch nicht herangezogen werden. Es ist schon sachgerecht, wenn insgesamt gesagt wird, dass Deutschland kein Strom-, sondern ein Wärmeproblem hat. Was auf der ökologischen Seite fehlt, ist der Hinweis, dass Deutschland – wie ganz Europa – immer noch ein Kohleproblem hat.

 

Das nutzt aber alles wenig, denn es geht nun um Europa und die Versorgungslage unseres gesamten Kontinents, die eng miteinander verwoben ist – vom Strom bis zur Versorgung mit fossilen Stoffen. Das betrifft also alle Europäer und wir sollten endlich erkennen, wo die Ursachen liegen und vor allem leider auch, dass wir diese Risiken nicht innerhalb eines Jahres los werden.

 

Es ist dringend erforderlich, dass eine gemeinsame und verantwortungsvolle neue Energiepolitik entsteht. Dabei ist vor allem eines klar: Die Idee von wenigen Großkraftwerken als tragende Säule einer Energieversorgung ist tot. Weder die damit verbundenen Klumpenrisiken, noch die daraus entstehende gewaltige Verteilung großer Energiemengen sind tragbar. Die Lösungen müssen dezentraler und mit breiter verteilten kleineren Erzeugungsformen entstehen. Ebenso ist klar, dass sehr große Energieverbraucher sich räumlich dahin verändern müssen, wo Energie ortsnah produzierbar ist. Das ist nicht neu, der Stahl ist mal zur Kohle gezogen. Solche Entwicklungen gehören zu einer intelligenten Energiepolitik dazu. Die Industrie in Bayern hat das übrigens verstanden, die Landesregierung wohl nicht.

 

Wenn in Deutschland jemand über Kernkraft nachdenken sollte, dann sind es vor allem die südlichen Länder und auch die sollten keine Großkraftwerke planen, die Netze sind jetzt schon ausgelastet, ein Verdopplung oder Verdreifachung der Energiemenge ist reine Utopie. Ob die kleineren und zudem vor allem billigeren AKWs der neusten Generation aber planbare Technologie sind, sollte dringend diskutiert werden, statt über neue Großkraftwerke nachzudenken, die heute schon nicht mehr zeitgemäß sind, mindestens ein Jahrzehnt in der Realisierung benötigen und übrigens viel zu teuer sind. Deshalb will ohne staatliche Unterstützung kein Unternehmen so was anfassen, auch in Frankreich nicht.

 

Der Norden Deutschlands kann hingegen mit Windkraft, PV sowie Speichern sehr gut versorgt werden – auch als Industriestandort. Er sollte aber nicht den Fehler fortsetzen, die anämische Energiepolitik Bayerns heilen zu wollen. Das macht für den Norden keinen Sinn, für Deutschland auch nicht und Europa muss sich ebenfalls anders helfen. Die großen Energietransfers gehen kontinental schon gar nicht, das große Netz muss eines für Spitzenausgleich sein, nicht für die Grundversorgung.

 

Man muss leider viel tiefer – und länger – graben, als drei Kernkraftwerke weiter zu beatmen. Wenn Europa diese Energiekrise nicht nutzt, aufzuwachen, hat es ein gewaltiges strukturelles Problem bei der Versorgung seiner Bevölkerung und seiner Wirtschaft. Energie ist der Basisrohstoff überhaupt, eine intelligente Planung ohne die vielen geplatzten fossilen Deals ist komplex und sie dauert sehr lange. Das ist weder durch unrealistische Zielvorgaben der EU, noch durch einseitige Planungen der Regierungen machbar. Es ist eine regionale Sisyphusarbeit über einen lokal sinnvollen Energiemix mit regional sehr unterschiedlichen Lösungen.

Es gibt nicht den einen richtigen Weg!

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