Braune und weisse Eier

DMZ –  BLICKWINKEL ¦ Ruedi Stricker ¦                   

 

Geschätzte Krachenwilerinnen, geschätzte Krachenwiler,

Im Namen des Gemeinderates darf ich Ihnen hiermit mitteilen, dass am 1. Mai 2017 die Verordnung zu Produktion, Handel und Konsum von Hühnereiern in Kraft getreten ist. Damit dürften die Auseinandersetzungen um die zweckmässige Farbe von Eiern ein glückliches Ende gefunden haben.

 

Ein kurzer Rückblick auf die Geschehnisse beleuchtet die Dimension des Konflikts:

 

13. März 2017: In der zweiten Primarklasse ordnet Frau Bättig für den folgenden Tag das Mitbringen von vier Eiern und Wasserfarben für das geplante Bemalen von Ostereiern an. Ob sie im Interesse einer besseren Farbannahme ausdrücklich weisse Eier verlangt hat, war im Nachhinein nicht mehr zu eruieren.

 

14. März 2017: Louis Elmiger erscheint mit seinem Malkasten und vier braunen Eiern im Unterricht. Er wird von Frau Bättig nach Hause geschickt mit dem Auftrag, «richtige Eier zu bringen». Noch am gleichen Abend erscheint auf Facebook ein Post unter dem Titel «Eier-Rassismus an Krachenwils Schulen.» Frau Elmiger behauptet unter anderem, braune Eier seien den weissen ernährungstechnisch überlegen.

 

April 2017: Die Primarschule verbietet das Verzehren von braunen Eiern in der Znünipause. Hinter der Aktion wird eine frustrierte Lehrerin vermutet.

 

15. Mai 2017: Im Dorfladen werden praktisch keine brauen Eier mehr verkauft. Der Bauernverband verlangt Schadenersatz und erwägt eine Klage gegen die Schulgemeinde.

 

19. Mai 2017: Mehrere Schüler aus Bauernfamilien erscheinen demonstrativ in braunen Pfadfinderhemden zum Unterricht. Frau Bättig schickt die Delinquenten umgehend nach Hause: «Ich brauche keine Nazis in meinem Schulzimmer.»

 

1. August 2017, Nationalfeiertag. Der Farbenstreit weitet sich aus. Die «Weissen» nehmen nun neben braunen Eiern auch den gleichfarbigen Cervelat ins Visier. Am anderen Morgen liegt das denkmalgeschützte Gebäude der Metzgerei Keller in Asche. Keller, überzeugter Brauner, bezichtigt öffentlich die Weissen der Brandstiftung.

 

6. August 2018: In einem Interview mit dem Krachenwiler Boten erinnert Schulleiter Wyss an den Brand des Reichtags und unterstellt den Braunen, die Metzgerei selber in Brand gesteckt zu haben.

 

16. September 2018: Im Stadtrat bricht ein Tumult aus, nachdem zwei Braune dringliche Massnahmen gegen das Überhandnehmen von weisser Farbe verlangt hatten. Neben weissen Eiern wären unter anderen auch weisse Hemden an Ratssitzungen zu verbieten; uneinig waren sich die Motionäre lediglich bei der Frage, ob auch ein Verbot von weissem Schnee durchsetzbar sei.

 

Februar 2019: Das Gesundheitsamt präsentiert der staunenden Öffentlichkeit ein neu entwickeltes Ei. Das wegen der besseren Stapelbarkeit nun würfelförmige Produkt kommt farblich/politisch als idealer Kompromiss daher: Aussen weiss für gute Beschriftbarkeit, innen einheitlich braun. Leider scheitert die Errungenschaft an der Tatsache, dass sie weder auf natürlichem Weg noch industriell produziert werden können.

 

Mai 2020: Eine externe Schiedskommission schlägt den zerstrittenen Parteien eine am landwirtschaftlichen Produktionsergebnis orientierte einheitliche Färbung in einem neutralen, hellen Beige vor. Dieser Kompromiss findet durchaus Anklang und wird als Diskussionsgrundlage für die Sommertagung der Staatspolitischen Kommission akzeptiert.

 

August 2020: Während die Vertreter der Farbenhersteller den Vorschlag der Schiedskommission begrüssen, schlagen Pragmatiker aus beiden Lagern vor, weiterhin braune und weisse Eier in den Verkauf zu bringen, allerdings in einer Verteilerquote, die jährlich neu auszuhandeln ist. Für das Jahr 2017 schlagen sie ein Verhältnis von 3:3 im Sechserkarton vor.

 

Herbst 2021: Die Gemüter beruhigen sich, die Feindschaften werden begraben. Auf den Pausenplätzen tauchen wieder Eier auf – sowohl braune als auch weisse.

 

27. April 2022: Auf Antrag der Hühnerzüchter und mit dem Einverständnis des Stadtrates wird die Quotenregelung zugunsten eines liberalen Handlings suspendiert.

 

23. Februar 2023: Die neue Verordnung tritt mit folgendem Wortlaut in Kraft:

Hühnereier unterliegen hinsichtlich Schalenfarbe keinerlei Einschränkungen.

 

Im Auftrag des Gemeindepräsidenten

Ruedi Stricker

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