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DE: Corona in Pflegeheimen: Umdenken angesagt!

DMZ – MEDIZIN ¦ Markus Golla ¦                                          

 

Nach wie vor wird Covid in der Öffentlichkeit überwiegend als Problem überforderter Intensivmedizin wahrgenommen, obgleich im Wesentlichen hochbetagte vielfach vorerkrankte Patienten einen schweren Covidverlauf zu erwarten haben. Nun legt die wissenschaftliche Aufarbeitung eines schweren Coronaausbruchs in einem deutschen Pflegeheim nahe: Wir sind auf einem Irrweg.

 

Ein Konzept aus aufrechterhaltener guter Pflege, Kohortenisolierung in enger Abstimmung mit dem Kreisgesundheitsamt, aufsuchender Haus- und palliativärztlicher Versorgung sowie der dem Patientenwillen entsprechende Verzicht auf Blaulicht- und Intensivmedizin hat insgesamt zu wenig schwerer Krankheitslast oder Tod durch Corona geführt.

 

Obgleich bei dem schweren Corona-Ausbruchsgeschehen 3 von 4 der schwerstpflegebedürftigen Bewohner sowie fast jeder zweite Mitarbeiter betroffen waren, kam es trotz eines hohen Altersdurchschnittes nur zu einzelnen covidbedingten Todesfällen und äußerst seltener Klinikeinweisung. Das Risiko für eine Klinikeinweisung (4,0%) war gegenüber anderen Untersuchungen um den Faktor 3,3, für Tod an Corona (3,3%) sogar um den Faktor 5,6 geringer. Selbst bereits palliativ versorgte Sterbende erreichten in 92,3% einen „Genesenenstatus“. Dr. Thöns vom Palliativnetz Witten erläutert: Das gab es in der Palliativversorgung noch nie. Für unsere Patienten bedeutet eine schwere Infektion meist das Lebensende. Michael John ergänzt: Klinikeinweisung hat viele Nachteile, allein der Ortswechsel verstärkt Verwirrung, eine Klinikeinweisung führt zu vielen Risikokontakten und Gefahren durch Klinikkeime und nur ein Bruchteil unserer Klienten wünscht wirklich Intensivmedizin.

 

Ohne jeden Zweifel handelt es sich bei der Infektion vielfacherkrankter Hochbetagter mit dem Wunsch auf Vermeidung einer Klinikeinweisung eher um Palliativpatienten, denn um Intensivpatienten. Vielfach wurden bereits in Deutschland Konzepte aus zu früher invasiver Beatmung[i] oder zu häufigen Einsatz von Lungenersatzverfahren kritisiert und auf diesbezügliche wirtschaftliche Fehlanreize hingewiesen.[ii] Auf diese Zusammenhänge muss gerade jetzt besonders hingewiesen werden, denn obgleich es in Deutschland nie zu einer Triage kam, werden Sprecher der Intensivmedizin nicht müde, bei jeder beginnenden Welle die drohende Gefahr pressewirksam hochzuspielen. Martin Porwoll, der Übertherapie professionell in Deutschland betrachtet, resümiert: Den immer gleichen Warnungen vor Überforderung und der drohenden Triage folgten extreme Geldflüsse zu den Kliniken, dabei wurde aber Wohl und Willen der Hauptbetroffenengruppe teils mit Füßen getreten. Erinnert sei auch daran, dass viele Einschränkungen des öffentlichen Lebens, insbesondere zuletzt die Bundesnotbremse auf der Grundlage dieser Warnungen erfolgten. Es ist dringend Zeit für ein Umdenken: Optimale Versorgung vor Ort entspricht zumeist dem Patientenwillen, vermeidet schmerzhafte Trennungen am Lebensende und wird unsinnige Geldflüsse verringern.

 

Hintergrund: Auch bei den kommenden Wellen wird es so sein:

Die Weltgesundheitsorganisation geht bei Folgevarianten zwar von zunehmender Infektiosität, jedoch von einer zunehmenden Abschwächung der Krankheitslast aus, sodass auch die aktuelle und weitere Wellen aller Wahrscheinlichkeit einen ähnlichen Verlauf erwarten lassen.

 

Die letzte „Intensivwarnung“ ist gerade einmal 2 Tage alt: Meldung

 

 

 

Literatur: 

[i] Karagiannidis, C., Mostert, C., Hentschker, C., Voshaar, T., Malzahn, J., Schillinger, G., … & Busse, R. (2020). Case characteristics, resource use, and outcomes of 10 021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. The Lancet Respiratory Medicine, 8(9), 853-862.

 

[ii] Karagiannidis, C., Slutsky, A. S., Bein, T., Windisch, W., Weber-Carstens, S., & Brodie, D. (2021). Complete countrywide mortality in COVID patients receiving ECMO in Germany throughout the first three waves of the pandemic. Critical Care, 25(1), 1-2. 

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