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Die Themen der Energiewende-Gegner – nur eines exemplarisch mal etwas tiefer bewertet: Redispatch

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦              

KOMMENTAR

 

Als ich gestern das erste unten folgende Chart von den Batteriespeichern in UK postete, kam es mal wieder auf verschiedenen Kanälen zu den erwartbaren Reaktionen von Gegnern Erneuerbarer Energien. In sehr seltenen Fällen, die ich ausdrücklich begrüße, die aber inzwischen vorzugsweise auf LinkedIn oder meinem eigenen Blog, also per Mail gelingen, kommt es zu einem guten Austausch von berechtigten und wirklich guten Argumenten. Der leider alles überragende Widerspruch, auf den dieses Profil und der Blog übrigens bewusst ausgerichtet sind, daher nämlich teilweise der gelegentlich provokative Stil, ist nur wüster Stuss, Unfug und teilweise wildes Trollverhalten.

 

Dabei wird erkennbar, dass diese teilweise schon EE-Hasser zu nennenden Leute, nicht mal die eigenen „Argumente“ beherrschen und zu unterscheiden wissen. Kaum eine Diskussion ohne komplett wirres Antwortverhalten. Da werden auf dieses Redispatch-Thema „Fragen“ nach Gesamtenergieproduktion eingeworfen, die aber wie immer keine Fragen, sondern implizite Feststellungen sind. Dann kommen CO2-Vergleiche, ein tiefes, aber anderes Thema, wilde Aussagen zu Eigenschaften von Kernenergie, die ich persönlich nicht mal nicht ablehne, aber technisch und ökonomisch bis auf weiteres irrelevant finde oder bei Kosten/Preisen dummes Zeug über Importe, Infrastrukturkosten oder das Thema der Speicherung. Mit den meisten ist es tatsächlich intellektuell vollkommen unmöglich, eine isolierte Fragestellung mal zu Ende zu bringen. Manche wollen das nicht, das sind absichtlich agierende Trolle, aber die meisten können es nicht, weil sie viel zu wenig Ahnung haben – nicht zuletzt von den eigenen „Argumenten“.

 

Tatsächlich gibt es drei fundierte Themen, die vorgetragen werden und die man sehr wohl weiter fachlich diskutieren sollte. Insofern wäre es tatsächlich interessant, wenngleich, das behaupte ich mal, fachlich immer irrelevanter, diese Themenfelder gerne weiter zu bemühen. Ich liste sie kurz auf, denn dies sind:

 

l) Netzstabilität. Die Behauptung ist, ein mit Erneuerbaren, insbesondere mit einer hohen Quote dieser Erzeuger arbeitendes Stromsystem sei nicht stabil möglich. Die erratische Erzeugung führe zu unbeherrschbaren Schwankungen, Netzausfälle, Blackout-Gefahren wären wegen Zappelstrom etc. letztlich zwingend. Diese Argumente lassen wie alle weiteren inzwischen nach, seitdem es nun mal nachweislich weltweit eine zunehmende Zahl an stabil laufenden Stromsystemen mit vielen Erneuerbaren gibt – ohne die beschriebenen Effekte. Der typische Ausweichmechanismus in der Debatte lautet daher auch hier: Das sei zwar möglich, aber es führe zu inakzeptablen Kosten. Zwischen nicht machbar und zu teuer wird immer gerne gewechselt, schneller als die Unterwäsche. Ich werde dieses mit dem eingangs erwähnten Chart gestern berührte Thema gleich genauer betrachten.

 

ll) Energiemenge. Die Behauptung ist, die erforderlichen Energiemengen seien nicht produzierbar. Das wurde, klare Verkennung des Themas, gestern mal wieder eingeworfen. Argumente sind Flächenbedarf, Energiedichte und Ressourcenbedarf nach Ebert et al.. Auch hier gilt, dass dieses Argument erkennbar nachlässt, denn der Trick mit Durchschnittsdaten veralteter Technik zu arbeiten, funktioniert in der Öffentlichkeit immer schlechter, seitdem sich parallel die Nachrichten über viele GW an Zubauleistung mehren und die realen Energiemengen und auch relevanten Quoten Erneuerbarer nicht mehr zu leugnen sind. Auch hier wird daher bevorzugt auf die Kosten ausgewichen, das sei also wohl machbar, aber zu teuer. Da ich dieses Thema hier nicht vertiefen möchte, nur kurz der Hinweis: Bei den Gestehungskosten Erneuerbarer läuft das Argument zunehmend ins Leere, hier gilt das Gegenteil, sie sind unstrittig die mit Abstand billigsten, aber oft wird mit Endpreisen argumentiert. Ein wirklich tiefes Thema, denn die Endpreise sind unstrittig viel zu hoch, aber die Ursachen sind Markt-Design, Steuern, Abgaben, weshalb insbesondere Ländervergleiche an der Stelle zwar berechtigt sind, aber Unterschiede der Energiepolitik und nicht der Energieerzeugung dokumentieren. Dazu habe ich hier ohnehin bereits oft genug geschrieben und weiteres wird folgen.

 

lll) Energiebereitstellung/Verfügbarkeit: Die Behauptung ist, Erneuerbare würden erratisch, volatil, unpassend liefern und daher sei es nicht möglich, eine komplette Versorgung damit aufzubauen. Argumente sind „Dunkelflauten“, oft wird auch hier „Zappelstrom“ genannt, „Grundlast“, „der Winter“, „die Industrie“, bestimmbare Kraftwerks- versus unbestimmbare Zufallsenergie. Das ist die härteste aller Fronten, weil das tatsächlich die relevanteste Herausforderung darstellt und bisher auch kein Erneuerbares System eine ganzjährige, selbstverständlich jederzeitige Vollversorgung leistet, der praktische Gegenbeweis im Unterschied zu den ersten beiden Themen hier also fehlt. Auch dieses Thema will ich nur kurz bewerten: Wie vor einigen Tagen nachgewiesen, liefern Erneuerbare zunächst mal gar nicht so schlecht eben doch, wie wir Strom nachfragen. Dass Reserveleistungen trotzdem notwendig sind, sei es durch Speicher oder durch Kraftwerke, bestreitet niemand – auch wenn das gerne in nicht mehr wirklich diskussionswürdigen Kommentaren unterstellt wird. Es ist aber klar und längst nachgewiesen, dass die These, Erneuerbarer Strom sei vollständig zu speichern, kompletter Unfug ist. Ebenso wird anhand konkreter Projekte beinahe täglich nachgewiesen, dass sowohl Speichertechnologien als auch Kraftwerke mit synthetischen Kraftstoffen diese Aufgabe leisten können – sowohl technisch, als auch von der Menge her. Daher wendet sich auch hier die Diskussion von „nicht machbar“ zunehmend in „zu teuer“.

 

Um es kurz zu machen, da ich Thema l) hier vertiefen möchte: Das Argument, es sei zu teuer, ist (vielleicht) (noch) richtig, aber das spielt schlich (noch) keine Rolle. Diese kryptische Formulierung basiert auf der einfachen Erkenntnis, dass es laut Konsens entsprechender Studien so etwas wie eine 80:20-Regel gibt: Bis zu einer Gesamtenergieversorgung(!) von 80% Erneuerbaren spielen „Dunkelflauten“ oder „Speicherbedarf“ schlicht keine relevante Rolle. Hier können die Erneuerbaren so genutzt und verteilt werden, wie sie anfallen. Allenfalls Abregelungen, also Energieverluste können zunehmen, während die 20% Reserveleistungen aus vorhandenen Kraftwerksparks vollkommen genügen, die Phasen mit zu geringer Leistung zu überbrücken. Bis zu so einer Quote, die weltweit frühestens in zehn bis fünfzehn Jahren erreichbar ist, gilt: Die deshalb sehr wohl relevanten Gestehungskosten von Erneuerbarer Energie machen jedes Erzeugungssystem auch bezüglich der Gesamtsystemkosten billiger. Wie die letzten 20% zu decken sind, beschäftigt uns in Deutschland sehr, das kann man so machen, sollte sich dadurch aber nicht abhängen lassen, denn weltweit werden die Energiesysteme zunächst mal fleißig immer billiger und dabei – was ich leider nur für einen nicht zentralen Nebeneffekt halte – auch dekarbonisiert.

 

Wenn Deutschland weiter in so einer Grundsatzdebatte über Themen, die ab vielleicht zehn Jahren wirklich relevant werden, streitet, könnten wir uns wundern, weshalb wir auch hier abgehängt werden und „überrascht“ feststellen müssen, dass woanders „plötzlich“ Energiestandorte entstanden sind, die uns sowohl bei der Klimapolitik als auch der Standortpolitik zeigen, wo es lang geht.

 

Damit aber zur Vertiefung von Thema l), womit ich insbesondere zeigen möchte, wie wichtig es ist, ein Thema als solches festzuhalten und nicht dauernd auf andere auszuweichen. Das führt nämlich nur zu dysfunktionalen Dialogen, die keinerlei Klärung leisten, sondern in plumper Rechthaberei ohne Wert enden.

 

Wie oben erwähnt, redet inzwischen außer irgendwelchen EIKE-Protagonisten keiner mehr von der Unmöglichkeit, so ein System stabil zu betreiben. Es gibt dazu ein paar fast schon witzige Videos von EIKE, wo irgendein seriös grauhaariger Sprecher etwas von „Stabilitätseingriffen“ faselt, von denen früher, wo alles besser war, nur ein paar Hundert pro Jahr stattfanden, während es heute viele Hunderttausend seien. Der innere Widerspruch ist den Leuten nicht klar, denn wenn es, was übrigens zutrifft, heute Hunderttausende solcher „Eingriffe“ gibt, aber keinerlei Ausfälle stattfinden, ist die Sache wohl irgendwie so was wie Routine und Alltäglichkeit geworden. Genau so ist es nämlich, was da passiert, ist eine inzwischen weitgehend digitalisierte und vollkommen automatisierte Technologie, um Frequenzschwankungen auf verschiedenen Ebenen sofort auszugleichen. Das ist eine Technologie, die schon seit Jahrzehnten weiter entwickelt wird, auch in der „alten, alles besser“ Welt entstand, weil das damals nämlich manuelle Maßnahmen waren – und wenn, was immer wieder passierte, dabei menschliche Fehler erfolgten, gab es das, was heute so vielen Angst bereitet: Ausfälle und durchaus auch mal größere, die man mit etwas Dehnung des Begriffs „Blackout“ nennen mag.

 

Tatsache ist also, dass die „alte“ Netztechnik tatsächlich anfällig war, dass damals auch vollkommen zurecht Bedenken geäußert wurden, man könne keinesfalls in größerem Ausmaß Erneuerbare drauf setzen, dass aber wegen eben dieser schon immer vorliegenden Defizite der Netze das getan wurde, was man tun darf, wenn man nicht ewig gestrig bleiben will: Man löst das Thema – wie so oft hier durch eine neue und zuverlässige Technologie.

 

Was aber die inzwischen für Erneuerbare längst robuste Netztechnik nicht verhindern kann: Es gibt Situationen, in denen die erzeugte Strommenge mit der abfließenden Lastmenge nicht mehr – ich drücke mich bewusst nicht technisch aus – ausreichend korrespondiert. Das lässt das Stromsystem nicht zu, es hat die leider sehr aufwendige Eigenschaft, dass anders als andere Waren der Strom quasi sofort in exakt der Menge produziert oder sagen wir eingespeist werden muss, wie er abgerufen wird. Man kann sich Strom wie ein Wassersystem vorstellen, bei dem ohnehin nur Wasser fließt, wenn irgendwo jemand einen Hahn aufdreht, bei dem aber die Leitungen so empfindlich sind, dass sie sofort platzen, wenn der Wasserdruck bestehen bleibt, sobald der Hahn geschlossen wird. Da muss also synchron, wenn jemand den Hahn öffnet, auf der anderen Seite jemand das Wasser einkippen. So ungefähr kann man es verstehen.

 

Das führt schlicht täglich, in jedem Stromsystem, unabhängig von Erneuerbaren zu Situationen, die man in der Fachsprache Redispatch nennt. Ich verwende den Begriff hier tatsächlich als Sammelbegriff für verschiedene Maßnahmen, was so nicht ganz korrekt ist, sich aber zunehmen durchsetzt. Zu unterscheiden sind dabei Situationen, in denen „zu viel“ Strom im Netz ist, von denen, wo „zu wenig“ angeboten wird. Fangen wir bei „zu viel“ an: Das bedeutet rein praktisch, dass Kraftwerke ihre Leistung drosseln und Erneuerbare abregeln müssen. Beide Maßnahmen sind gewissermaßen mehrdimensional „teuer“.

 

Bei den Kraftwerken erfolgt das, es geht sonst nicht schnell genug, meist auf Ebene der elektrischen Erzeugung, da die eigentliche Energiequelle, Brennstoff oder Brennstäbe, gar nicht so schnell reagiert. Folge ist, dass Turbinen gedrosselt werden, während parallel Brennstoff als Abwärme verloren geht. Ökologisch und ökonomisch also ein Schaden. Es ist einigermaßen traurig, dass teilweise sogar kompetente Leute aus Kraftwerksberufen auf diese Regelfähigkeit von Kraftwerken hinweisen, ohne zu erkennen, dass dies nur in einem engen Band und auch nur kurzfristig möglich sowie schlicht multipel schädlich ist. Mit diesem „Lastfolgebetrieb“ größere Steuerungsversuche zu unternehmen, um gar die Gesamtenergieversorgung entlang der Lastkurve auszusteuern, ist grober Unfug, versucht auch kein Betreiber und zeigt leider, dass selbst Experten in dem Bereich oft die Grenzen Ihrer Expertise nicht einzuschätzen wissen.

 

Was Kraftwerksexperten dabei übrigens übersehen: Die Sache hat regelungstechnisch Limits und wenn die nicht reichen, muss das Kraftwerk komplett abschalten. Das ist aber oft viel zu teuer, weil es dann länger steht und nur sehr teuer wieder anfahren kann. Die Betreiber bieten daher an der Strombörse sogar einen Negativpreis, damit jemand den Strom abnimmt. DAS ist nämlich der Grund für Negativpreise, die es deshalb auch in ganz Europa immer wieder gibt. Negativpreise sind keine deutsche Besonderheit, eine der vielen Desinformationen dazu. Erneuerbare können hingegen technisch ohne jede Verzögerung sofort abregeln, also die Produktion komplett einstellen. Für diesen Teil der Netzstabilität sind sie also deutlich besser aufgestellt, als Kraftwerke, das wird oft verschwiegen. Ein Schaden entsteht trotzdem, denn es handelt sich um Situationen, in denen zu Grenzkosten kostenlose ökologisch unbedenkliche Energie vorliegt, die verloren geht. Dem Betreiber entgeht die Auslastung seiner Anlage, also ein ökonomische Schaden. Zum Ersatz dieser Schäden komme ich gleich, das habe ich hier nicht übersehen, sondern bewusst ausgelassen.

 

Bei der anderen Seite, „zu wenig“ Strom, ist das Stabilitätsproblem genauso kritisch. Hier muss sofort zusätzlicher Strom erzeugt werden und es ist klar, dass Erneuerbare dabei keinen Beitrag leisten können. Hier müssen also Kraftwerke sehr kurzfristig liefern. Übrigens ist es dabei egal, ob die im Inland stehen oder ausländischer Strom, der dann übrigens sehr wohl Erneuerbar sein kann, importiert wird. Das Thema will ich hier gar nicht zu sehr strapazieren, es wird rein praktisch schlicht nach dem Preis entschieden. Da es in (fast) allen europäischen Systemen jederzeit genug Kraftwerksreserven gibt, existiert keine Notlage, sondern schlicht die breite Wahl nach der günstigsten Lösung. Aus rein technischen Gründen ist die aber in diesen Situationen oft auf die Gaskraftwerke beschränkt – in ganz Europa, in der ganzen Welt. Der Grund: Nur diese Kraftwerke können aus dem Stand schnell genug anfahren und in der Kürze der Zeit den Bedarf decken. Spitzenlastproduktion nennt sich das und das leisten sonst nur Pumpspeicherwerke, von denen es in vielen Regionen zu wenige gibt. Kurz erwähnt, weil immer noch zu oft verdrängt: Durch Merit-Order zieht in dem Moment der Gaspreis den Strompreis in beliebige Höhen. Erschwerend durch die Tatsache, dass oft regional begrenzt zu wenige Gaskraftwerke verfügbar sind, deren Betreiber dann Preise diktieren können.

Nachdem nun nicht nur geklärt ist, dass die Netzstabilität ganz offensichtlich kein Problem ist, sondern auch, wie das technisch erfolgt, kommt das Argument, die Sache werde durch Erneuerbare immer teurer. Das ist ein sehr tiefes Thema, welches ich hier sogar trotz der Länge dieses Beitrags nur ansatzweise beleuchten kann. Zunächst verweise ich auf meinen Beitrag, der zeigt, dass „Zappelstrom“ gar nicht so schlecht zur Lastkurve erzeugt. Es ist daher fachlich sogar sehr strittig, ob die Volatilität Erneuerbarer die Notwendigkeit von Redispatch-Maßnahmen erhöht oder ggf. sogar senkt. Aber lassen wir das mal offen und schauen uns an, wie sich das in Deutschland entwickelt hat.

 

Vorab: Dazu gibt es zahlreiche Beiträge, die überwiegend grob falsch sind. Die – sei es Absicht oder Versehen – groben Fehler dieser Beiträge sind längerfristige Vergleiche von Redispatch-Maßnahmen sowie den über die Netzentgelte zu entrichtenden Kosten. Das geht aus zwei Gründen schlicht gar nicht: Erstens sind die Daten für diese Maßnahmen bis 2019 nahezu nicht vorhanden bzw. irgendwelche groben Schätzwerte. Erst seit Q2/2019 werden die gesetzlich definiert und korrekt erhoben, so dass Vergleiche mit Vorjahren nicht möglich sind, insbesondere nicht, indem man diese Daten und stark unterschätzende „Prognosen“ aus der Zeit davor gegeneinander stellt. Der zweite Grund sind die mehrfachen, auch jüngst ständig veränderten Vergütungsregelungen, mit denen die Betreiber von Anlagen nämlich für die o.g. Folgen wirtschaftlich entschädigt werden. Die dafür zugrunde liegenden Regeln und Preise sind so unterschiedlich, dass man die Summen nicht mehr vergleichen kann.

 

Was also einzig valide möglich ist: Ein Vergleich der Redispatch-Mengen seit Q2/2019. Das findet sich in den Charts 2 bis 6 anbei und das ist sehr interessant! Kurz zur Erklärung: Die Spitzen unter der X-Achse sind Maßnahmen, bei denen „zu viel“ Strom vorlag und durch die o.g. beschriebenen Maßnahmen die Erzeugung reduziert werden musste. Oberhalb der Achse sind die kurzfristig notwendig gewordenen zusätzlichen Erzeugungsmengen. Man erkennt unschwer eine relevante Veränderung: Bis Mitte 2022 dominierten die Spitzen nach unten und wir hatten hier Leistungen von bis zu 5 GW, die „weg mussten“. Das Volumen ist in beiden Richtungen sehr groß, nach „unten“ noch deutlich höher und dominierend. Wir hatten also entgegen der gängigen Erzählungen eher viel zu viel Strom im System und seltener zu wenig. Aber seit Mitte 2022 ein komplett anderes Bild. Die Schwankungen sind „plötzlich“ um ein Fünftel geringer und die Mengen auch ausgeglichener. Am besten sieht man das im Chart für 2022, wo es im rechten Teil deutlich „ruhiger“ wurde.

 

Was ist da passiert? Neue Technik, Sonne und Wind plötzlich anders? Nein, Mitte 2022 ist ein Gesetz mit dem Titel „Redispatch 2.0“ in Kraft getreten, übrigens vor der Ampel bereits beschlossen. Grob formuliert hat das die „Regeln“ geändert und den Betreibern von Anlagen mehr Verantwortung gegeben, für Redispatch selbst vorzusorgen und die Erfordernis von Maßnahmen aus eigener Kraft durch präventive Planung zu vermeiden. Klar formuliert: Was ich hier als großen Nachteil beschrieben hatte, war – und ist! – wegen der Entschädigungen über die Netzentgelte auf der anderen Seite ein gut funktionierendes Geschäftsmodell. Dem wurde Mitte 2022 teilweise der Stecker gezogen, aber man muss leider nüchtern und zur Enttäuschung für das vielleicht erwartete klare Ergebnis feststellen: Welche Redispatch-Maßnahmen wirklich technisch notwendig sind, welche Ursachen die haben (Fehlanreize Markt, fehlender Netzausbau, asynchrone Erzeugung Nord/Süd, erhöhte Quote Erneuerbarer) und was die realen Kosten dafür sind, ist schlicht in Deutschland nicht feststellbar! Der einzige Trost: Die bezifferten Kosten für dieses „Spielchen“ sind ein paar Milliarden, die über den Strompreis erhoben werden und in der Höhe nicht relevant für unsere Gesamtkosten sind. Ärgerlich bleibt das natürlich trotzdem!

 

Schauen wir nun aber mal auf das Chart von gestern und diese Batterieleistung in UK. Solche Pufferspeicher sind nämlich die ideale Lösung für Redispatch, da diese Batteriepuffer BEIDE Probleme lösen: Sie nehmen zu viel Leistung im Netz auf und speisen die bei zu wenig wieder ein. Kein Kraftwerk kann das, keine Erneuerbarer Erzeuger. Dabei kommt es, das ist nun hoffentlich klar geworden, gar nicht auf die absolute Menge/Leistung an, sondern darum, dass diese Technologie agil und schnell genug ist, um diesen Netzausgleich zu leisten und lediglich die Kapazität hat, um entlang der Lastkurve diesen Spitzenausgleich zu übernehmen. Es geht also nicht um Thema ll) oder lll), was einige unbedingt einbringen wollten, sondern um Netzstabilität sowie insbesondere die Kosten dafür.

 

An der Stelle ist UK viel weiter als wir. Auch das hat Gründe. In Deutschland war bis Anfang 2023 der Betrieb von Netzspeichern aufgrund einer Doppelbesteuerung quasi ökonomisch verboten. Speicher mussten doppelt Netzentgelte zahlen, bei der Ein- und bei der Ausspeicherung. Das ist der Grund, weshalb es die bisher in Deutschland praktisch nicht gibt. Das wird nun anders werden, aber erneut ist unser Markt-Design nicht optimal. Das Geschäftsmodell der Speicher lautet in Deutschland nämlich: Einkauf zum billigsten Preis, Verkauf zum teuersten. Das ist also ein Preisdifferenzgeschäft, welches sicher seinen Nutzen bringt, weil es die Preise glättet. Das ist aber keine eigentlich notwendige oder technisch sinnvolle Speicherleistung, die ja besser bei Überschüssen einspeichert und bei fehlendem Strom liefert. Das Verhalten der Speicher in Deutschland wird zwar nahe an dieser Leistung liegen, weil die Preise das abbilden, aber eben nicht exakt. Insbesondere diese ganz kurzfristige Netzstabilisierung wird sich daraus nicht ergeben, unser Markt wird so ein Bild wie in UK nicht erzeugen. Hinzu kommt ferner: Es bleibt leider grundsätzlich „attraktiv“, Redispatch zu „erzeugen“, denn dafür wird ja weiter bezahlt. Hier vergütet bzw. belohnt der Markt also etwas, das schädlich ist. In der bisherigen Welt ist das nicht anders möglich, weil es unmittelbar der Netzstabilität dient. Die Technik ist aber weiter, Redispatch ist eigentlich schlicht überflüssig geworden – die Lösung ist vorhanden, die muss nur genutzt werden.

 

Tatsächlich wäre es also besser, gezielt die Stabilitätsleistung zu vergüten und damit das Thema Redispatch schlicht komplett zu beseitigen. Das ist nämlich technisch möglich und zu enorm ökonomischen Bedingungen. Dann kann Thema l) endlich final enden. Sowohl bezüglich der beantworteten Frage, ob es möglich ist, als auch bezüglich der Kosten. Nichts ist effizienter, ökologischer und ökonomischer als diese Kurve aus UK und nichts ist gestriger als der Versuch, das durch Verrenkungen von trägen Kraftwerken oder der Vernichtung von kostenloser Erneuerbarer Energie zu bewerkstelligen.

 

Es bleibt die Erkenntnis, dass wir auf unser Markt-Design nicht weniger zu achten haben als auf die verfügbaren und einzusetzenden Technologien. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr tendiere ich zur Erkenntnis, dass Märkte und von  diesen beeinflusste öffentliche Meinung sowie politische Entscheidungsprozesse sogar das dominierende Thema sind – es wäre quasi Thema 0) in der Aufzählung oben. Daher erwähne ich es zum Schluss, der hiermit endlich erreicht ist.

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