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The winner takes it all – und nun?

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 

KOMMENTAR

 

„The winner takes it all“ ist ein Phänomen, das schon lange in der Digitalisierung bekannt ist. Das ist aber verkürzt, denn es gilt für viele Bereiche unserer technologisch und auch medial dominierten Welt. Mal sind die Gewinner solche mit führender Technologie, mal sind es die mit der besten Organisation – Marketing, Vertrieb etc. Wir sehen in allen möglichen Branchen, von Luxusgüterkonzernen bis zu Nahrungsmitteln diese hohe Allokation von Erfolg versus einer immer geringeren Verteilung in der Breite.

 

Veraltete Narrative erklären das nicht mehr. Es ist weder „das Kapital“, noch ist es „der Markt“ mit seinen naiven Ideen von Wettbewerbsstrukturen, Anbietern und Nachfragern. Richtig, ich habe hier gerade weitere Teile der Volkswirtschaftslehre als Narrativ bezeichnet. Viele intellektuell dagegen gestellte „Konzepte“ aber ebenso.

 

Drei Dinge sind daraus abzuleiten:

Erstens ist das zunächst mal so und keine Ökonomie oder Nation kann es sich leisten, zu wenige Gewinner zu haben. Deutschlands Substanz basiert im Wesentlichen auf den oft so genannten „Hidden Champions“, die aber nichts anderes als meist mittelständische Gewinner unterhalb des allgemeinen Radars der Wahrnehmung sind. Unternehmen, die Weltmarktführer für einige wenige, nicht selten technische Produkte sind. In deren spitzem Segment repräsentieren sie nichts anderes als das beigefügte Chart auf der großen Karte. Diese Gewinner werden wir aber nicht mehr ausreichend haben, wenn wir übersehen, wie viele davon auf fossilen Geschäftsmodellen unterwegs sind. Die Elektrifizierung verändert eine Vielzahl an Produkten unmittelbar, Produktionsprozesse letztlich wohl alle. Wenn wir Gewinner haben wollen, müssen wir diesen Weg gehen. Unsere Denkweise zur sogenannten „Energiewende“ ist nicht nur verkürzt, weil es um viel mehr als Michels bevorzugtes Auto oder seine Heizung geht, sie ist eine Gefahr für unsere Zukunft.

 

Zweitens heißt das logischerweise, dass es viele Verlierer gibt. Die sind überall zu finden. Das Chart zeigt die USA, wo sich in allen Branchen und Industrien stets genauso wie in Europa Unternehmen als zu schwerfällig, unstrategisch und behäbig erwiesen haben. Wo aus ehemaligen Gewinnern taumelnde Riesen wurden. Die US-Autoindustrie ist ein Beispiel, die Stahlindustrie, die ersten großen IT-Konzerne mit ihren Großrechnern und im Medien- sowie Telekommunikationssektor wurde die Digitalisierung dort genauso verschlafen, wie in Europa. Aber parallel sind dort die im Chart genannten entstanden. Denn: Verlierer schützt man nicht, kommende Gewinner behindert man nicht. Klingt logisch, aber genau das passiert in Europa.

 

Drittens bedeutet das ein wachsendes eklatantes Verteilungsproblem. Wenn wir über sozialen Ausgleich nachdenken, gibt es die alten Strukturen nicht mehr, es ist nicht eine Frage von Arm und Reich, von Unternehmen und Arbeitnehmern, von Staat und Privatsektor. Die Verteilungsungleichheit beginnt bereits tief im Unternehmenssektor und die ist auch nicht national, sondern global. Auf diese strukturellen Herausforderungen haben wir ganz genau gar keine Antwort. Nationale Steuer- und Sozialsysteme, idiotische Klientelpolitik, veraltete Ökonomie-Lehrbücher, naives Kasten- oder Klassendenken – nichts davon erklärt oder gar beantwortet diese Herausforderungen.

 

Das ist Folge von Globalisierung und exponentieller technologischer Entwicklung. Aufhalten kann das niemand und es ist auch nicht mal erstrebenswert. Aber Phänomene wie Apple&Co werden die dominierenden. Selbst in China versucht ein autokratisches System bereits, die an die Kette zu legen, muss aber zugleich erkennen, das man ohne sie abgehängt wird. Dort versucht der Staat, diese Phänomene strategisch zu steuern und für sich zu nutzen. In den USA lässt man sie laufen und hat keine Lösung für die Ungleichgewichte in der Gesellschaft. Europa findet gar nicht statt, es schaut zu – und wird so kaum Vorteile, sondern nur Nachteile ernten.

 

Wir müssen zuerst mal erkennen, dass unsere Vorstellungen von Verteilung und deren Organisation schon lange nicht mehr funktionieren und was da tatsächlich passiert. Dann beginnt das Nachdenken über Lösungen. Wir sind von ersterem noch weit entfernt, so lange wir Luftpumpensprech von Politikern, Fernseh-Ökonomen oder Podcast-Philosophen für schlau halten und unsere Meinung davon beeinflussen lassen. Die Unterkomplexität der öffentlichen Debatte und der daraus leider abgeleiteten wesentlichen Entscheidungen macht wahlweise wütend, fassungslos oder lässt resignieren.

 

Der Mensch ist dabei, seine eigenen Veränderungsprozesse nicht mehr zu verstehen. Genau hier liegt übrigens die tiefere „Gefahr“ oder vielleicht auch Chance von KI. Aber der Text ist schon wieder zu lang

 😉

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