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Zwei lesenswerte Analysen zur Industriepolitik Chinas – mit fraglicher Interpretation durch die FAZ

DMZ – MEDIEN ¦ Dirk Specht ¦              

KOMMENTAR

 

Ausnahmsweise nutzt eine deutsches Wirtschaftsredaktion mal wissenschaftliche Quellen aus dem Ausland und macht prompt einen Beitrag daraus, der fast schon fassungslos macht (Link anbei). Dabei sind die Quellen ausgezeichnet geeignet, um endlich mal etwas Licht in unsere leider auch mehr als dumme Debatte über De-Industrialisierung zu bringen, ohne sich wieder in ein paar Prozenten abgeschalteter Stromerzeugung oder weniger als einem Prozent an Stromimporten zu verlieren.

 

Die ganz große Herausforderung insbesondere der deutschen Industrie heißt China, denn hier wird aus dem ehemals größten Kunden ein in immer mehr Bereichen übermächtiger Wettbewerber. Das trifft (Chart2) die ehemals größte Exportnation, die USA, jüngst aber vor allem die danach größten Exportnationen, Deutschland und Japan. Der große Unterschied aber: Die USA haben beispielsweise den IT- und Digitalsektor aufgebaut, die Bedeutung der Industrie ist dort weitaus geringer. In Deutschland ist das ganz anders, wir haben einen immer noch sehr großen Anteil der Industrie, deren Probleme sofort die Gesamtökonomie treffen. Zudem ist kaum eine Ökonomie so abhängig von China als Kunden, wie unsere.

 

Eine besonders schwierige Lage, die viel mit Abhängigkeiten zu tun hat: Nachdem der Hauptlieferant des strategischen Energieträgers Erdgas weggefallen ist, wird nun der größte Kunde mit dem attraktivsten Wachstumsmarkt zum Hauptwettbewerber. Vielleicht sollten wir darüber mehr reden als über Atomkraftwerke, „Kosten“ für den Ausbau von Energieinfrastrukturen oder gar das „Sparen“?

 

„Gespart“ wird nämlich in China nicht, sondern investiert. Das macht dort der staatlich kontrollierte Bankensektor, während der Staat selbst sogar große Vermögenswerte aufbaut. Die deutsche Wirtschaftspresse hat den Immobiliensektor in China lange belächelt, aber kaum richtig verstanden. Ob der zu groß war, gar eine Blase, wird die Zeit erweisen. Die bekannten Schieflagen sind aber offensichtlich eben kein Grund für einen Crash und nun wendet sich das Investment in die Industrie – seit ca. vier Jahren beginnend (Chart3). Was wir also bisher sehen, ist keineswegs das Ende eines Prozesses, sondern der Anfang. Was derweil der seriös wirtschaftende deutsche Immobiliensektor leistet, wird sich auch zeigen. Irgendwie kommen wir aus der Wohnungsnot jedenfalls nicht heraus und gegen den industriellen Abschwung soll nun auch noch gespart werden.

Die FAZ zitiert einige relevante Daten und Aussagen aus den Berichten. China ist die einzige Produktionssupermacht der Welt, fast ein Drittel (!!) der gesamten globalen industriellen Produktion kommt aus China, doppelt so viel wie deren Anteil am weltweiten BIP. Auch die Relation zu anderen ist gewaltig: Je nach Datenlage produziert China alleine so viel, wie die nächsten neun Volkwirtschaften zusammen. In den als strategisch erkannten und in sogar öffentlich bekannt gegebenen Fünfjahresplänen entwickelten Branchen betragen die Weltproduktionsanteile Chinas teilweise über 90% (Chart4). Eine historisch nie gekannte Konzentration auf ein Land!

Was aber machen die FAZ-Autoren daraus: Neben ein wenig Bashing der deutschen Subventionspolitik kommen Aussagen, die in den Quellen gar nicht getroffen werden. Demnach seien das alles Überkapazitäten (wie bei den Immobilien), die der Staat weiter füttere und deshalb würden jetzt schon die Preise verfallen. Angeblich arbeitet daher kaum noch jemand mit Gewinn. Das wird also als eine dumme staatliche Subventionspolitik bezeichnet, die ein gewaltiger Irrsinn sei, der ganze Artikel wird so aufgemacht.

 

Ähm – was haben diese Autoren gelesen? Vor allem: Haben die sich mal mit China beschäftigt? Fehlte nur noch der Hinweis auf mangelnde Sozial- und Umweltstandards, billige Arbeitskräfte und die Kopisten westlicher Technologie. Naja, da die FAZ bei diesen Themen momentan Übertreibungen sieht, die den Standort belasten, hat man das vielleicht weggelassen.

 

Um es klar zu sagen: Das Erfolgsmodell Chinas mit diesen geringen Standards ist längst ein Auslaufmodell. Die diese Entwicklungen ermöglichenden Branchen arbeiten mit großer (eigener!) technologischer Exzellenz, die sowohl die hoch automatisierten Herstellungsprozesse als auch die gelieferten Endprodukte umfasst. Hinzu kommt eine gewiss durch den Staat unterstützte strategische Erschließung kompletter Wertschöpfungsketten. Von Rohstoffen über Zwischenprodukte und hochmoderne Maschinen bis zu den Fabriken, die diese Produkte teilweise wie ein Dosenwerk auswerfen ist alles fest in chinesischer Hand.

 

Daher macht es fassungslos, hier von dummer Subventionspolitik zu reden oder zu behaupten, die sei nicht zielorientiert oder führe gar zu „Misswirtschaft“. Die Behauptung, da arbeite keiner mehr mit Gewinn, ist bodenlos. Es ist vielmehr so, dass China offensichtlich die technologischen Vorteile insbesondere in der Fertigung selbst gnadenlos ausspielt, um über Preiskämpfe Weltmarktanteile aufzubauen. Die verzichten dabei zwar auf Rendite, aber diese haben sie sehr wohl weiter, sie nutzen vielmehr ihre gigantischen Effizienz- und Skalierungsvorsprünge, um kleinere Wettbewerber aus anderen Regionen schlicht platt zu machen. Das spielt sich übrigens innerhalb des chinesischen Markts unter chinesischen Unternehmen ebenfalls ab – der Staat lässt hier also auch intern diesen gnadenlosen Wettbewerb zu.

 

Auch die Aussage, das wären Überkapazitäten sind schlicht grob falsch. Da wurde vermutlich die Analyse von Niels Graham, vom Atlantic Council, etwas fahrlässig gelesen. Der spricht in der Tat von „Overcapacity“, meint das aber komplett anders, als die FAZ es darstellt. Diese wirklich gute Analyse arbeitet sauber aus, dass die industrielle Kapazität Chinas über dem inländischen Bedarf liegt und daher nur auf die Weltmärkte ausgerichtet sein kann. Im Ergebnis fragt der Autor, ob das die Gleichgewichte des Welthandels nachhaltig stören kann und empfiehlt daher gegen dieses Übergewicht etwas zu tun. Derselbe Bericht weist übrigens nach, dass diese Exporte Chinas längst in komplett neue Märkte drängen (Chart5), die teilweise von Europäern und Amerikanern noch gar nicht richtig erschlossen sind.

Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass hier Kapazitäten aufgebaut werden, die nicht ausgelastet sein werden – das ist übrigens bei der enormen Automatisierung der chinesischen Produktionen ein Thema, das man so einfach wie in simplen deutschen Lehrbüchern gar nicht mehr behandeln kann. Nein, es geht hier um Wachstumsbranchen, exponentiell wachsende Nachfrage auf Weltmärkten – und um die Anteile an diesen.

 

Die USA haben das längst erkannt, die beiden von der FAZ zitierten Quellen beschäftigen sich genau damit. Es geht um die Wirkung von Handelsbarrieren, die in den USA seit Trump eingesetzt werden und deren Schärfung empfohlen wird. Das macht aber nur Sinn, wenn parallel eigene Industrie aufgebaut wird, denn sonst führt das nur zu Wettbewerbsnachteilen sowie hohen Kosten für die eigene Volkswirtschaft. Anders als die FAZ es darstellt, wird hier also empfohlen, dieses Programm sehr ernst zu nehmen und mit einer eigenen Industriepolitik zu beantworten, die sogar explizit ähnliche Mechanismen wie in China einsetzen sollte.

 

Beide Quellen kritisieren dabei die Konzeptlosigkeit der Europäer. Gegen diese Wucht kann kein Land Europas alleine etwas unternehmen, Deutschland aufgrund seiner widersprüchlichen Rolle mit der großen Abhängigkeit zum chinesischen Markt ohnehin nicht. Die viel zu kleinen Einzelprojekte in Europa sind überwiegend aussichtslos. Man versucht mit ein paar Milliarden hier oder da Fabriken zu subventionieren, die zu gnadenlos unterlegenen Konditionen (Größe, Skalierung, teilweise Automatisierung, fehlende Integration in Wertschöpfungsketten) Produkte herstellen sollen, die teilweise nicht mal den allerneusten Stand der Chinesen haben. Nicht wenige dieser Fabriken werden übrigens in einzelnen Bereichen notwendiger Vorprodukte 100% ihrer Zulieferungen aus China beziehen.

 

Das ist in der Tat konzeptlos. Wir Europäer brauchen zunächst etwas, von dem wir glaubten, es zu beherrschen: Technologischen Vorsprung. Der ist in vielen Bereichen noch vorhanden, aber längst nicht mehr in allen vermuteten und momentan sieht es auch eher so aus, dass wir weiter zurückfallen. Es macht trotzdem keinerlei Sinn, irgendwas in Europa zu subventionieren, was keinen technologischen Vorteil gegenüber Produkten hat, die man letztlich überall produzieren kann. Wir brauchen Technologiesprünge – und das konnten wir mal.

 

Insofern ist ein gemeinsames Konzept erforderlich, die Ressourcen sind zu bündeln, komplette Wertschöpfungsketten müssen aufgebaut werden. Das ist strukturell in Europa nicht mehr bekannt, das erfordert eine Industriepolitik, die nicht mal auf nationaler Ebene noch existiert, europaweit schon gar nicht. In die wichtigste Ressource, nämlich Bildung, Wissenschaft, Forschung, führendes Ingenieurswesen – vielleicht auch Ökonomie? – ist wieder zu investieren.

 

Aber selbst daran wird ausgerechnet in Deutschland nun auch noch gespart. Eine besondere Konzeptlosigkeit, der sich die FAZ irgendwie nahtlos anpasst. Ein wenig Gemurmel über die Projekte der Bundesregierung und altbackene, fast schon geringschätzend herabwürdigende Bewertung der chinesischen Politik. Insofern passt dieser Beitrag unfreiwillig dann doch ganz gut zu den Quellen.

 


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