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Besorgniserregende Zunahme der Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen

Es ist höchste Zeit breit Massnahmen zu ergreifen (Foto: David Aebischer)
Es ist höchste Zeit breit Massnahmen zu ergreifen (Foto: David Aebischer)

DMZ – GESELLSCHAFT ¦ D. Aebischer ¦    Es ist höchste Zeit breit Massnahmen zu ergreifen (Foto: David Aebischer)

 

Die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Universitäts-Kinderspitals Zürich schlägt erneut Alarm: Im Jahr 2023 verzeichnete sie eine bedenkliche Zunahme der gemeldeten Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen. Die Zahl stieg von 647 auf 679 an, was bereits das fünfte aufeinanderfolgende Jahr mit einem Anstieg markiert.

 

Nicht alle Fälle konnten eindeutig als Misshandlung identifiziert werden. Von den 679 Fällen identifizierte das Team in 518 eindeutige Misshandlungen. In 123 Fällen konnte der Verdacht nicht bestätigt, aber auch nicht ausgeräumt werden. Bei einigen der gemeldeten Kinder – 38 im Jahr 2023 – stellte sich heraus, dass keine Misshandlung vorlag, sondern beispielsweise ein Unfall zu einer Verletzung führte.

 

Bildquelle: kispi.uzh.ch
Bildquelle: kispi.uzh.ch

Hervorzuheben ist der Anstieg der vernachlässigten Kinder, die mittlerweile ein Viertel aller gemeldeten Verdachtsfälle ausmachen. Vernachlässigung ist weltweit eine der häufigsten Formen der Kindesmisshandlung und kann schwerwiegende Folgen haben. Die Gründe für die Zunahme der Vernachlässigung sind vielfältig und reichen von gesteigerter Sensibilität bis hin zu realen Anstiegen der Fälle. Es ist entscheidend, auf subtilere Anzeichen dieser Misshandlungsform zu achten – sei es bei der Kinderärztin, in der Schule oder in der Nachbarschaft.

 

Die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle betreut nicht nur Kinder, die im Spital gesehen werden, sondern berät auch Fach- und Bezugspersonen, die einen Verdacht auf Kindesmisshandlung haben. Die Meldung erfolgt vor dem Hintergrund der gesetzlichen Verankerung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung in der Schweiz, welche zukünftig im Zivilgesetzbuch implementiert werden soll.

Bildquelle: kispi.uzh.ch
Bildquelle: kispi.uzh.ch

Wir kontaktierten Dr. med. Georg Staubli, Leiter der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Universitäts-Kinderspitals Zürich, um weitere Einblicke in diese Thematik zu gewinnen.

 

DMZ: Wie würden Sie die aktuelle Entwicklung der gemeldeten Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen im Vergleich zu den Vorjahren bewerten?

Dr. med. Georg Staubli: Die Bewertung unserer Fallzahlen alleine ist immer schwierig, da wir nur eine Institution sind, die sich mit Kindsmisshandlung beschäftigt. Leider sehen wir aber auch in der nationalen Statistik der Vorjahre eine Zunahme der Fälle.

 

DMZ: Welche Faktoren könnten dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Fälle von Vernachlässigung im Kinderspital Zürich im Jahr 2023 erneut angestiegen ist?

Dr. med. Georg Staubli: Die Ursachen dafür zu finden ist herausfordernd, da sie immer von vielen Faktoren abhängt. Einerseits kann es gut sein, dass wir als Gesellschaft sensibilisierter sind im Thema Kindsmisshandlung,  andererseits ist auch möglich, dass es der Bevölkerung insgesamt seit einigen Jahren etwas schlechter geht, worauf gewisse Umfragen hinweisen, und es darum zu mehr Belastung und Überforderung in Familien kommt. Als Risikofaktoren für eine Vernachlässigung oder psychische Misshandlung sind hier insbesondere Arbeitslosigkeit, finanzielle Belastung, psychische Belastung bei Eltern bekannte Faktoren.

 

DMZ: Inwiefern hat die COVID-19-Pandemie die Situation von Kindern in Bezug auf Misshandlung und Vernachlässigung beeinflusst?
Dr. med. Georg Staubli: Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine und in Israel hat dazu geführt, dass es der Bevölkerung weniger gut geht. (Vergleiche Studie der CSS Gesundheitsstudie) Davon sind auch Familien betroffen. Solche Belastungen führen zu einem erhöhten Risiko für Misshandlung. Im Sinne von, wenn es einem Elternteil nicht gut geht, steigt das Risiko, dass in der Überforderung/Belastungssituation das Verhalten gegenüber einem Kind nicht mehr adäquat ist.

 

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Normen und das Bewusstsein über Kindesmisshandlung und Vernachlässigung in der Zunahme der gemeldeten Fälle?

Dr. med. Georg Staubli: Erfreulicherweise nehmen die Fälle für körperliche Misshandlung ab. Das hat sicher damit zu tun, dass die Diskussion über die gewaltfreie Erziehung in den letzten Jahren intensiv geführt wurde. Zu wenig bekannt ist jedoch, dass die gewaltfreie Erziehung nicht nur die physische Gewalt – Sprich Verbot die Kinder zu schlagen - beinhaltet, sondern auch die psychische Gewalt. Zudem kann auch eine Vernachlässigung der Bedürfnisse von Kindern zu schweren Auswirkungen führen. Somit sollte die potentielle Schädigung der Kinder durch Vernachlässigung und psychische Misshandlung mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung gelangen.

 

Welche präventiven Maßnahmen könnten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um Kindesmisshandlung und Vernachlässigung zu reduzieren?

Dr. med. Georg Staubli: Bis ein Fall in unsere Kinderschutzgruppe gelangt,  ist meist schon viel passiert in einer Familie. Oft können die Verwandten und Bekannten solche Situationen schon sehr früh erkennen. Wenn dann den betroffenen Familien Hilfe angeboten wird, führt das oft schon zu einer Entlastung und Verbesserung der Situation. Zudem kann auch immer auf die zahlreichen freiwilligen Angebote hingewiesen werden, die es gibt. Z.B. Mütter- und Väterberatung, Kriseninterventionszentren, Sozialzentren, Schulsozialdienst etc.

 

Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle

Die Kinderschutzgruppe befasst sich mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, die Opfer einer Misshandlung wurden oder gefährdet sind, misshandelt zu werden. Ziel der Kinderschutzgruppe ist es, durch sorgfältig geplante Interventionen drohende Misshandlungen abzuwenden und betroffene Kinder und Jugendliche vor wiederholter Misshandlung zu schützen. Im Zentrum der Bemühungen steht das Wohl der Kinder und Jugendlichen: Sie werden medizinisch versorgt, ihr soziales Netzwerk gestärkt.

 

Die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit von Spezialisten und Spezialistinnen aus Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Gynäkologie, Pflege und Sozialarbeit ermöglicht es, die verschiedenen Facetten einer Misshandlungssituation zu erfassen und bestmöglich zu reagieren. Bezugspersonen sowie nachbehandelnde und nachkontrollierende Institutionen werden früh in die Arbeit und Entscheide der Kinderschutzgruppe miteinbezogen.

 

In unserer Opferberatungsstelle werden Opfer von Gewalttaten nach den Vorgaben des Opferhilfegesetzes in rechtlichen, psychosozialen und teils auch finanziellen Belangen beraten und unterstützt. Nebst dem Opfer begleiten wir auch dessen Angehörige. Fachpersonen und Institutionen können sich ebenfalls beraten lassen.

 

Mehr Infos unter www.kinderschutzgruppe.ch oder www.kispi.uzh.ch/opferberatungsstelle

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