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Natalies Diary: Mein Verlangen nach authentischem Stumpfsinn

Bildquelle: Natalie Barth
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DMZ –  Natalie Barth ¦                                Bildquelle: Natalie Barth

KOLUMNE

 

„Nur die ganz Stumpfsinnigen sind schon beim Frühstück geistreich.“

(Oscar Wilde)

Tiefsinn und Stumpfsinn: Schließt das eine das andere aus, oder gehört das in Wirklichkeit zusammen und ist damit die Essenz eines geglückten Lebens? Wer weiß…

 

Manchmal will ich einfach oberflächlich sein. Tiefsinnigkeit hat auch ihre Grenzen. Dann nämlich, wenn man nur noch tief rumsinniert und der Spass am Leben ganz allmählich flöten geht. Lachen aus dem tiefsten Bauch heraus, auch dreckiges Lachen über die Scheisse, die anderen passiert (oder einem selbst): Gibt es etwas Herrlicheres? Oder soll ich „Fraulicheres“ sagen, um richtig zu gendern? Ist herrlich und fraulich denn eigentlich das gleiche? Wäre ja irgendwie schön. Gefällt mir. Ich lache jetzt mal so richtig „fraulich“ aus dem Bauch heraus!

 

Egal.

 

Um die Tiefsinnigkeit nicht zu weit zu treiben, schaue ich mir den Bachelor an. Oder wie es im neuen Format heißt „DIE Bachelors“, denn es sind zwei. Gefällt mir. So richtig stumpfinnig, dass es zum Abschalten und Ablachen über die Protagonisten gut reicht. Ich lache einfach wahnsinnig gerne. Und ich lache auch gerne ÜBER andere. Darf man ja heute fast nicht mehr laut sagen. Aber so ist es nun mal. Authentisch ist ja andererseits heute auch ganz angesagt. Und manchmal bin ich dann so richtig authentisch und lass die politisch total inkorrekte Sau raus. Lache über das Missgeschick anderer, mache mich über die Hässlichkeit von Frauen lustig, die sich den Bachelor krallen wollen. Wobei ich „hässlich“ nicht mal in erster Linie mit körperlicher Hässlichkeit definiere, sondern mit einem hässlichen Verhalten, wo die äußere Erscheinung on top einfach so richtig zusammenpasst.

 

Wenn ich nicht authentisch wäre, würde ich meinen Mann korrigieren, der die Frau genauso hässlich findet und sagen: „Hey, die kann doch nichts für ihr Aussehen und außerdem sind alle Körper schön!“ Meinen tu ich das natürlich nicht. Also ist es nicht authentisch. Ich frage mich, für was soll ich mich entscheiden: AUTHENTIZITÄT, ein Wort, das die Hälfte, die es gut findet, nicht mal aussprechen kann oder POLITICAL CORRECTNESS, wo alles unehrlich geehrt wird, was einfach objektiv kacke ist?

 

Keine Ahnung.

 

Da ist zum Beispiel diese Susi, Sasa, Sisu Dingsda, keine Ahnung wie sie genau heißt, und lästert über die andere Susi, die einfach so ehrlich erzählt, wie das Date mit dem einen Bachelor gelaufen ist und was sie so alles Wunderbares zusammen gemacht haben. In aller Ausführlichkeit natürlich. Zugegeben, auch nicht so mein Fall, weil irgendwie weird. Aber dass man sich dann stundenlang mit einer anderen Nebenbuhlerin, die man seit 48 Stunden kennt, über diese Susi auslassen kann und sich einfach so gar nicht vorstellen kann, was der Bachelor an so einer hässlichen Tussi finden soll, die einfach gar nicht die Klasse hat, wie man selbst, da fällt mir ja vor lauter Staunen das Weinglas aus der Hand, das ich während der Sendung zur seelischen Unterstützung gehalten habe. Und ich frage mich laut: „Die hässliche Kuh meint das doch nicht ernst, oder? Hat die sich mal selbst im Spiegel gesehen?“

Ja, so herrlich fraulich oberflächlich, das gefällt mir zwischendrin einfach unglaublich gut!

 

Gestern ging ich mit meinem Mann im Wald spazieren. Irgendwann kam dann die Stelle, an der es im vereisten Tiefschnee inklusive rutschigen Holztreppen nur noch bergab ging. Ich kannte sie, weil ich dort mit meinen Hund regelmäßig laufen gehe.

Mein Mann kannte sie nicht.

Ich stellte mir im Geiste vor, wie es meinen Mann, der vor mir läuft, auf die Fresse haut. „Hör auf so eine Bösartigkeit zu denken“, mahnte die Moralisten-Stimme in mir. „Das ist so ekelhaft, wie Du bist und denkst!“ Die moralische Instanz hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da haut es meinen Mann tatsächlich hin, rückwärts, auf den Kopf, langsam abrutschend wie ein Walross, da nach unten schlittert, ohne die Möglichkeit sich aufzuhalten. Also so richtig!

Erst bin ich geschockt.

Hat er überlebt?

 

Bis er wieder aufsteht und langsam versucht sich auf der Seite neben den Treppen von Baum zu Baum nach unten zu hangeln.

Sieht unglaublich lustig aus.

Und dann spüre ich es ganz langsam, aber deftig in mir hochkriechen. Es implodiert förmlich in meinen Eingeweiden.

Mir fallen andere Situationen ein. Als er zum Beispiel in Andalusien auf einem Holzstuhl, während wir alle um einen Tisch herumsaßen, in absolutem Zeitlupentempo nach unten sackte, weil der Stuhl stufenweise den Geist aufgab. Wir sahen stufenweise zu, während unsere Köpfe stufenweise nach unten wanderten, bis er auf dem Boden ankam.

Jetzt kann ich wirklich nicht mehr und frage kurz alibimäßig um „Zustimmung“, weil ich wegen meiner Gedanken, vor dem Sturz noch ein ziemlich schlechtes Gewissen habe. Und ich explodiere und pruste los, nachdem er sagt „Lach nur“.

 

Gibt es etwas Lustigeres? Und dabei so stumpfinniges? Ich glaube nicht. Herrlich, oder? Nein, ich korrigiere mich: „Fraulich“! Oder vielleicht auch einfach nur „dämlich“, authentisch und dreckig. Also herrlich.

 

 

 

Natalie Barth schreibt für den Blog www.nataliesdiary.com, auf dem es viele Artikel zu allen möglichen Themen auch zum Anhören gibt. Außerdem betreibt sie den Aufklärungskanal auf YouTube «Natalie Barth – Die Sekte und das Leben danach». 

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