Vom Umgang mit exponentiellen Prozessen bis zu Adam Smith – es geht um Kooperation versus Eigennutz

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦              

KOMMENTAR

 

Manchmal lohnt es, das große Bild zu betrachten. Wenn man die Bevölkerungsentwicklung (Chart1) betrachtet, kann man zunächst kaum davon ausgehen, dass der Mensch sich von einem Bakterium unterscheidet, welches in einer Nährlösung mit exponentieller Vermehrung seine eigene Grundlage vernichtet, um dann ebenso exponentiell auszusterben. Nun sind Exponentialfunktionen für die meisten Menschen nicht handhabbar. Wir haben das in der Corona-Pandemie ausnahmsweise mal breiter öffentlich diskutiert und für mich ist eher der Eindruck verstärkt worden, dass unser lineares/proportionales Denken damit mehrheitlich überfordert ist.

 

Evolutionsbiologisch ist das eigentlich verwunderlich, denn unsere Natur kennt kaum proportionale Prozesse, ist aber voller exponentieller. Unser Kleinhirn muss sich darauf irgendwann mal eingestellt haben. Zumindest mit polynomiellen Prozessen, die ebenfalls sehr oft vorkommen, aber auch nonlinear sind, können wir gut umgehen. Die Beschleunigung von Masse funktioniert beispielsweise so. Ein Gegenstand, der herunterfällt, ein Tennisball, der auf uns zukommt, ein Fußball, den der Torwart halten soll – das sind alles polynomielle Prozesse, mit denen unser Kleinhirn offensichtlich klar kommt. Exponentielle sehen wir insbesondere bei allen Wachstums- und Zerfallsprozessen, die nicht zuletzt in unserem eigenen Körper stattfinden – und die sind weitaus „dynamischer“ als die polynomiellen.

 

Unser kognitives Zentrum, von uns hoffnungslos überbewertet, das kann damit meist nichts anfangen. Ein exponentieller Prozess, wie beispielsweise das Bevölkerungswachstum, wird in unserer Wahrnehmung meist in drei Phasen zerlegt: Zuerst nehmen wir den „langsam“ wahr, das heißt in der Regel schlicht gar nicht. Da passiert ja „nichts“. Dann sprechen wir „plötzlich“ von einem „Kipppunkt“, von irgendetwas, was angeblich genau da passiert und irgendwie überraschend ist. Danach „explodiert“ es dann und alles ist rasend schnell, wir sehen in unseren Grafiken nur eine Linie, die steil nach oben geht. Die besonders klugen Hobbymathematiker nannten selbst das in der Corona-Pandemie übrigens linear, es gibt keine Debatte, die ich damals nicht führen „durfte“.

 

Diese Wahrnehmung ist vollkommen falsch. Tatsächlich ist das ein Prozess, dessen Metrik von „passiert nichts“ bis zu „explodiert“ vollkommen identisch bleibt und der in KEINER Phase linear ist. Diese Grafiken sind alle ebenfalls falsch, sie stammen aus unserer Wahrnehmung, weil wir die Achsen nämliche linear zeichnen. In unserer Wahrnehmung wird der Prozess also tatsächlich immer „schneller“, zuerst dauert das, dann kippt es, dann „beschleunigt“ es. Richtig bzw. zutreffend ist das alles nicht.

 

Aber bevor ich das aufkläre, sei erwähnt, dass sich derlei exponentielles Wachstum als Folge der Bevölkerungsentwicklung nicht überraschend in allem nachweisen lässt, was wir explorieren, erzeugen, konsumieren und insofern wieder wegwerfen oder in die Luft blasen. Momentan reden wir primär von CO2 (Chart2), vermutlich zurecht. Ich lasse es jetzt aber mal, die selbstverständlich genauso verlaufenden Charts für Bodenschätze, Rohstoffe oder deren Gegenstück wie Plastikmüll, Abfälle oder Emissionen jeglicher Art nachzuweisen. Das sieht überall ganz genauso aus – übrigens auch bei dem, was wir „Landwirtschaft“ nennen. Das Methan-Chart, die giftige Zwillingsschwester von CO2, erspare ich mir hier, aber den Tipp, dass die Menschen, sobald das mit dem CO2 mal in die andere Richtung läuft, ich bin da übrigens optimistisch, sehr bald das Methan „entdecken“ müssen, will ich doch noch los werden. Und ja, ich weiß, dass Methan nicht nur Landwirtschaft heißt, aber nein, es heißt sehr wohl auch Landwirtschaft.

 

Möglich geworden ist das ganz ausschließlich durch das, was wir als „Technologie“ zusammenfassen. Von der maschinellen Exploration über die Verarbeitung bis zur Entsorgung in Boden oder Luft, von Energieerzeugung, die es gar nicht gibt, sondern nur deren Transformation, über Energienutzung bis zu CO2, von Ackerbau über industrielle Nahrung bis zur Medizin – das alles wäre ohne „Technologie“ niemals möglich geworden. Wir haben inzwischen sogar Technologien, über die mehr als vier Milliarden Menschen auf einem System namens Internet kommunizieren können.

 

Wer das bis hier für einen linksgrünen Text mit Aufruf in die Steinzeit hält und nun trotzdem noch hier ist: Nein, ist es nicht, Technologie war und ist der essentielle Vorteil von Homo sapiens. Ohne Technologie ging es nie und wird es auch keine Lösung für uns geben, denn rein biologisch sind wir eigentlich nicht überlebensfähig, in dieser Masse wohl keine zwei bis drei Wochen. Es ist unser Verstand, den wir alle so schätzen, der aber das eigentliche Problem ist, denn der schafft es irgendwie nicht, zwischen Technologien, die uns nutzen und solchen, die uns schaden, zu unterscheiden.

 

Damit zur Auflösung des exponentiellen Prozesses, den man nur „versteht“ oder „wahrnehmen“ kann, wenn man das proportionale Bild aus Chart1 verlässt und entweder eine logarithmische Skala nutzt oder wie in Chart3 gleich die Wachstumsraten betrachtet. Die entscheidende Größe eines exponentiellen Prozesses ist nämlich die Rate, mit der er sich „vermehrt“, das ist tatsächlich seine „Geschwindigkeit“, auch, wenn das mit unserer Vorstellung von Geschwindigkeit nichts zu tun hat. Bei einem trivialen Wachstumsprozess, beispielsweise dem Spiel mit Reiskörnern und dem Schachbrett oder bei einer biologisch anfangs ungestörten Vermehrung wie den Seerosen und dem Teich ist so eine Darstellung übrigens schlicht eine Konstante, der Prozess wächst also stets gleich „schnell“. Nur, um auf unsere Fehlwahrnehmung nochmals hinzuweisen: So eine Konstante, also als Chart dargestellt eine waagerechte Linie, ist nicht „langweilig“, sie ist Pendant für eine Kurve wie in Chart1.

 

Wie in Chart3 aber zu sehen ist, verlaufen die meisten exponentiellen Prozesse in unserer Natur nicht „ungestört“. Auch das wissen wir von Corona: Wenn die biologischen Kontakte zurück gehen, sinkt die Wachstumsrate, denn biologische Kontakte sind die Ursache für die Vermehrung. Wollte damals keiner wissen wollen, viele bestreiten das bis heute. Bei der Vermehrung der Menschen geht es offensichtlich um komplexe Wirkmechanismen – auf den inneren Charme dieser Formulierung darf ich kurz hinweisen. Scherz beiseite gibt es dazu diverse Untersuchungen, wann Menschen sich für Nachwuchs entscheiden und wann nicht – wozu auch gehört, in welchen Situationen sie das immer noch nicht konkret entscheiden, sondern unterkomplex der Biologie überlassen.

 

Hier sieht man in der Tat, was Chart1, also unsere Wahrnehmung, überhaupt nicht mehr auflöst, nämlich sehr große Unterschiede im Wachstum. Das war offensichtlich über lange Zeit nur knapp über Null, was – nota bene! – auf „Dauer“ übrigens auch nicht geht, aber es war gering. Es ist dann in den letzten Jahrhunderten zunächst mäßig gestiegen und grob zusammengefasst mit der Industrialisierung, gestört durch zwei große Kriege, tatsächlich das, was wir zurecht sprunghaft nennen, angestiegen. Aber es gibt Hoffnung, denn wir sehen – und das ist Grundlage des vorliegenden Modells – dass es nicht nur Sättigungen, sondern auch Rückgänge gibt. Das wird auf die Veränderung von Geburtenraten in Kulturen, die wir „weiter entwickelt“ sowie Volkswirtschaften, die wir „wohlständiger“ nennen, zurück geführt. Die These lautet nun, dass bei verbesserter Versorgung der Menschen mit, sagen wir mal neutral, Technologie, das Wachstum nun abnimmt und sogar negativ wird, also eine Schrumpfung der Weltbevölkerung irgendwann einsetzt. Nach dieser Modellrechnung werden wir einen Peak von 10 Milliarden Menschen im Laufe dieses Jahrhunderts erleben, danach schrumpft die Bevölkerung in absoluter Zahl.

 

Seitdem diese Exponentialfunktionen oder genauer diese exponentiell wachsenden Daten auffällig wurden („plötzlich“), beginnt wenigstens das nachdenken. Kann das so weiter gehen? Wachstum im endlichen Raum?

 

Dieses Nachdenken ist offensichtlich geboten, denn allenfalls komplette Idioten können die Antwort leugnen. Das geht natürlich nicht. Trotzdem wird über Wissenschaftler, die so etwas äußern, beispielsweise – und wirklich nur als Beispiel! – den Club of Rome, einfach nur gelacht und gelästert, wenn diese den Fehler machen, statt es bei der Grundaussage zu belassen, mit damals zudem kaum belastbaren Daten und Modellen irgendwas konkretes zu prognostizieren. Die vollkommen unstrittige, ja triviale Grundaussage wird verdrängt, die Botschafter werden wegen falscher und aus heutiger Sicht auch tatsächlich methodisch inakzeptabler Prognosen sogar ausgelacht.

 

Jetzt sind wir in diesen Prozessen fast 50 Jahre weiter, haben viel bessere Daten, wesentlich gründlichere Forschung, technische Möglichkeiten, Datenanalysen und Modelle zu betreiben, sind tatsächlich in der Wissenschaft viel weiter, aber die öffentliche Debatte fokussiert sich bei Lichte betrachtet auf den Streit um ausgerechnet das, was rein virtuell ist und tatsächlich unendlich wachsen kann: Geld. Dahinter steckt, wenn man es gedanklich zulässt und ertragen kann, etwas sehr rationales, nämlich der beginnende Verteilungskampf um diese endlichen Ressourcen, seien es die verfügbaren Rohstoffe oder die noch irgendwie kompensierbaren Giftstoffe.

 

Betrachtet man nun einige „Pole“, die sich bilden, so lesen wir von „De-Growth“, was ganz offensichtlich, siehe Chart3, essentiell erforderlich ist, aber die meisten Denkschriften aus dem Lager kommen leider über die alte politische Debatte betreffend Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und seine Folgen wie Verteilungsgerechtigkeit nicht hinaus. Man kann dieses gesellschaftliche Thema gerne weiter diskutieren, das ist und bleibt sehr interessant, als Ökonom werde ich mich dem nie verweigern, aber das hier in Rede stehende Thema ist damit oft verfehlt. Es geht um das Wachstum dieser physikalisch/biologischen Daten und meine persönliche Überzeugung lautet tatsächlich, dass wir das nur technologisch bewältigen können – und dass es unser Verstand ist, der gemeinsam mit Dingen, die Psychologen besser erklären können (oder auch nicht?) so etwas wie einen Willen bildet, bei dem die Frage von Untergang oder Lösung zu suchen ist.

 

Der Gegenpol protestiert gegen „De-Growth“ noch lauter, als der Pol, behauptet die alte ökonomische Wachstumsstory als alleine Wohlstand, Versorgung und Sicherheit versprechende, übersieht dabei aber, dass die ökonomische Wachstumsdoktrin längst tiefe Risse erhalten hat, worüber man sich übrigens freuen darf. Denen kann ich nur entgegnen: Lasst uns mal unideologisch das Wachstum dieser Daten bekämpfen und dann warten mir mal in Ruhe ab, was das für unser zudem kaum noch zutreffend messbares Wirtschaftswachstum bedeutet. Das ist nämlich inzwischen vor allem überbewertet und methodisch aus der Zeit gefallen. Ich bin als Ökonom überzeugt, dass wir bei Themen wie Geldpolitik, Inflation und Wirtschaftswachstum vor einer Welle an neuen Denkschriften stehen, wie sie historisch mal von Smith, Marx, Hajek, Schumpeter, Keynes et al. verfasst wurden und die schlicht alles neu bewerten, weil die bisherigen Bewertungen nicht mehr zutreffen, da die in der Ökonomie nur deskriptiv eine kurzfristige Beobachtung unseres zeitgenössischen ökonomischen Handelns sind.

 

Betrachtet man die Debatte jenseits der Denkschriften, die diesen Begriff erlauben, so sehen wir aus meiner Sicht primär psychologische Reaktionen, die etwas mit Angst, Neid und Gier zu tun haben. Solche Emotionen führen zu Verdrängung, Aggressivität und kognitiv allen möglichen Dummheiten. So liest man gerne die These, die Menschen hätten schon immer Probleme dann, wenn es notwendig wird, technisch gelöst. Nun, wir sehen ganz offensichtlich, dass der Mensch technisch Probleme sowohl lösen, aber auch sehr wohl erschaffen kann. Zum Thema „Timing“ verweise ich auf unsere Fehlwahrnehmung von exponentiellen Prozessen und behaupte, dass diese gerne behauptete „Notwendigkeit“ von den meisten dann „erkannt“ wird, wenn es längst zu spät ist. Das zweite sehr oft genannte „Argument“, lautet, „andere“ müssten sich zuerst bewegen und „wir“ oder genau „ich“ kann nichts bewirken. Das ist spieltheoretisch sehr gut untersucht und besagt letztlich ebenfalls: Der Unwille, etwas zu verändern, weshalb auch immer, steckt dahinter. Der kann in der Tat nur gebrochen werden, wenn das „Spiel“ sich so entwickelt – oder gesteuert wird -, dass die Sicht auf die Vorteile und die gemeinsame Erreichbarkeit sich dreht.

 

Letzteres ist wohl die entscheidende Frage: Gelingt es der Menschheit, Verstand und Willen zu bündeln, um die – längst vorhandenen – technologischen Lösungen für das eigene Fortbestehen einzusetzen, statt die eigene Vernichtung damit voranzutreiben. Klar ist: Keiner kann auf den anderen zeigen, keine Region kann das, keine Nation, kein Individuum. Alle müssen das ändern, ohne jede Ausnahme. Diese Erkenntnis ist mit dem Restverstand einer Kartoffel nicht zu leugnen.

 

Aber was macht Homo sapiens als Schwarm daraus? Historisch gab es bei solchen größeren Verteilungs- und Verhaltenskonflikten vorsichtig formuliert „unterschiedliche“ Lösungen. Homo sapiens besticht interessanterweise vor allem durch seine Kooperationsfähigkeit, ohne die wir gar nicht existierten. Offensichtlich haben wir aber alle auch unsere Eigeninteressen, die wir durchsetzen wollen. Wenn das mit der Kooperation daher gerade mal nicht funktioniert, gibt es im Lösungsarsenal alternativ auch Krieg und Massenmord.

 

Es ist offen, wie die Lösungen für die hier thematisierten Herausforderungen aussehen werden. Da dies wohl die gewissermaßen physikalisch und biologisch „engsten“ Probleme sind, die der Mensch jemals hatte, wäre es nicht ganz nachteilig, wenn seine Kooperationsfähigkeit sich durchsetzt. Nicht nur, aber auch von Adam Smith stammte die Idee, die Eigeninteressen so zu organisieren, dass sie den allgemeinen dienen. Er hatte weit mehr Gedanken, er wird bis heute sträflich verkürzt zitiert, gerne von Leuten, denen er heute den Kopf waschen würde. Es ist wohl diese Oszillation aus Eigen- und Gemeinschaftsinteressen, die uns zugleich antreibt, dann aber auch wieder bis zur Lähmung bei Herausforderungen hilflos hinterlässt, die wir eigentlich leicht lösen können, sei es schlicht durch Unterlassung oder durch Nutzung von Technologie, die uns nutzt, statt zu schaden.

 

Hoffentlich finden sich Denker wie Smith et al., die dafür mal etwas vorlegen und denen man folgt – statt Ideologen und Populisten, die nur aus der Zeit gefallene Ideen verfolgen oder aus Angst, Gier, Wut, Verdrängung sowie Eigeninteressen ein Geschäftsmodell für politische oder „publizistische“ Karrieren machen. Erstere reden über Lösungen, die bestenfalls vergangen sind, zweitere machen alles nur noch schlimmer, deren Saat dient dem eigenen Vorteil, deren Ernte sind Tod und Verderben – dieselbe Logik, wie bei der Dominanz der Eigeninteressen insgesamt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0