EsoGulasch: Entzauberung eines 'Mediums': Pascal Voggenhuber und die Welt des Cold Readings

DMZ – BLICKWINKEL ¦ Marko Kovic ¦         

GASTKOMMENTAR

 

In Teil 2 von #EsoGulasch stelle ich euch Pascal Voggenhuber vor.
Pascal Voggenhuber ist das wohl berühmteste “Medium” im deutschsprachigen Raum. Menschen geben ihm Geld, weil er sagt, er könne mit Toten kommunizieren.
Pascal Voggenhuber wurde 1980 in Liestal, Schweiz, geboren. Kontakt mit Toten hat er seit dem Teenager-Alter. Er bezeichnet sich selber als “eines der renommiertesten Medien” Europas und als “Spirit-Rebel”. Der Rockstar der Eso-Welt.
Voggenhuber betont, dass er seriös ist und 8 Jahre Ausbildung hinter sich hat, in der Schweiz und am “Arthur Findlay College”. Das ist eine spiritistisch-pseudowissenschaftliche Schule in England mit Kursen wie Medialität, Trance, oder auch Trance-Medialität.
Wie spricht Voggenhuber mit Toten? Er arbeitet, wie er erklärt, in zwei Phasen. Zuerst liefert er “Fakten” über die Verstorbenen, die das Gegenüber überzeugen, dass er Kontakt hat. Dann überliefert er angebliche Botschaften der verstorbenen Person.
Doch die “Fakten”, die Voggenhuber liefert, sind vage, diffuse Aussagen, die für viele Menschen irgendwie zutreffen können. Beispiel aus einer Sat 1-Sendung von 2013. Ich weiß nicht, wie es euch geht: Ich habe immer irgendwelche Probleme mit meinem Handy.
Was Voggenhuber macht, nennt sich “Cold Reading”. Bei dieser Technik macht man diffuse Aussagen und hakt dort nach, wo das Gegenüber signalisiert, dass etwas dran sein könnte. So entsteht am Schluss der Eindruck, dass das “Medium” Dinge weiß, die es unmöglich wissen kann.
Warum funktioniert Cold Reading? Weil Menschen in Readings oft glauben wollen, dass das Medium übersinnliche Fähigkeiten hat. Wenn man z.B. vor Kurzem jemanden verloren hat und trauert, will man einfach glauben, dass die Person irgendwie doch noch da ist.
Ein Beispiel für die Psychologie von Cold Reading sehen wir in diesem Clip. Das Medium hangelt sich an vagen Aussagen entlang und greift auch klar daneben. Die Klientin ist am Schluss aber trotzdem überwältigt — weil sie, trauernd, in einer hoch vulnerablen Verfassung ist.
Um 2012 hat Voggenhuber sein Geschäftsmodell verändert. Er macht keine Einzellesungen mehr, sondern nur noch Auftritte mit größerem Publikum. Mehr Geld für gleichen Aufwand. Ähnlich wie Braco aus #EsoGulasch Teil 1 hat Voggenhuber sein Business schlau skaliert.
Voggenhubers Auftritte mit Publikum machen sein Cold Reading besonders einfach. Er wirft Allgemeinplätze ins Publikum und fragt, wem das etwas sage. In einer größeren Menge findet sich natürlich immer eine Person, die sich durch mehrere Dinge angesprochen fühlt.
2013 hab ich selber eine Veranstaltung mit Voggenhuber besucht. Seine Cold Reading-Technik fand ich derart uninspiriert und faul, dass für mich der Eindruck eines Scharlatans entstand. Voggenhuber fand das nicht lustig und drohte mir mit einem Anwalt.
Würde ich Voggenhuber auch heute als Scharlatan bezeichnen? Nicht zwingend. Warum, erklärte Orson Welles 1970 treffend: Manche Menschen wenden Cold Reading derart automatisiert und unreflektiert an, dass sie auf sich selber hereinfallen.
Heute fokussiert Voggenhuber, auch wieder ähnlich wie Braco, auf noch besser skalierbare Produkte: Online-Kurse und -Referate. Daneben bietet er auch Online-Kurse und Coaching für das Schreiben von Marketing-Texten an (kein Witz).
Wie gefährlich ist Voggenhuber? Er verspricht keine Wunderheilungen o.ä. Aber er und andere “Medien” monetarisieren das Leid von Menschen, die Angehörige verloren haben, mit einfachem Cold Reading, an dem garantiert nichts Übersinnliches ist. Das ist gelinde gesagt pietätlos.
Gibt es zumindest eine Show fürs Geld? Die Medialitäts-Szene ist auf Theatralik ausgelegt (im Clip gibt Voggenhubers Lehrerin Tipps, wie er eine bessere Show abziehen kann). Obwohl Voggenhubers Cold Reading handwerklich eher schwach ist, hat er ein gewisses Charisma.
Übrigens: Voggenhuber behauptete immer wieder, er habe die Polizei in der Schweiz unterstützt, um ungeklärte Fälle zu lösen. Dafür gibt es bis heute keine Beweise. Voggenhuber hat auch auf Anfrage nie einen Beleg geliefert.
Ach ja: Voggenhuber gab früher vor, offiziell von Adidas gesponsert zu sein, inkl. Logo auf seiner Webseite (unten links; inkl. Link zu adidas.ch). Das war gelogen und Adidas zwang ihn vor rund 10 Jahren, alle solche Behauptungen aus dem Internet zu entfernen.
Mein #EsoGulasch-Rating von Voggenhuber: Unter der Charisma-Patina wird auf dem Rücken trauernder Menschen mit billigem Cold Reading Geld gemacht.

 

 

⚠️ Gefährlichkeit: ★★☆☆☆
🎭 Unterhaltungswert: ★★☆☆☆
🤩 Persönlichkeitskult: ★★★★☆
💵 Geschäftsmodell: ★★★★★
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