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Armut in der Schweiz: Mehr als nur finanzielle Not

DMZ –  SOZIALES POLITIK ¦ Sarah Koller ¦    

 

In der Schweiz variieren die Statistiken je nach Quelle, doch je nachdem, welche Statistiken man bemüht, ist in der Schweiz jeder siebte bis zehnte Mensch von Armut betroffen. Aber was genau bedeutet es, arm zu sein? Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) bedeutet Armut die Unterversorgung in wichtigen Lebensbereichen (materiell, kulturell und sozial), so dass die betroffenen Personen nicht den minimalen Lebensstandard erreichen, der im Land, in dem sie leben, als annehmbar empfunden wird.

 

Geld ist zweifellos ein zentrales Thema im Zusammenhang mit Armut, doch seine Auswirkungen erstrecken sich auf verschiedenste Lebensbereiche. Es ist jedoch häufig der finanzielle Aspekt, der die meisten anderen Probleme zwangsläufig mit sich bringt. Es geht also nicht bloß um Geld, sondern auch um die Folgen, die es mit sich bringt.

 

Erschreckenderweise gibt es keine einheitliche nationale Armutsstatistik in der Schweiz, was eine Schwachstelle im modernen System darstellt. Man muss auf verschiedene Quellen wie die Sozialhilfestatistik, die Working-Poor-Statistik und die Armutsquote von Personen im erwerbsfähigen Alter zurückgreifen. Andere Informationen basieren oft auf Schätzungen, die allerdings mit Vorsicht zu behandeln sind.

 

Besonders alarmierend ist die Lage der Kinder: Mindestens 134'000 Kinder leben in der Schweiz in Armut.

Caritas geht davon aus, dass etwa jede zehnte Person in einem Haushalt mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze leben muss. Das sind zwischen 700'000 und 900'000 Personen. Mehr als die Hälfte von ihnen leben in Haushalten mit Kindern. Multipliziert man sie mit der durchschnittlichen Anzahl Kinder pro Haushalt, ergibt sich eine minimale Anzahl von 134'000 Kindern, die von Armut betroffen sind.

 

Die Lösungen für das Armutsproblem sind bekannt, aber sie werden nicht immer konsequent umgesetzt. Es gibt ausreichend finanzielle Ressourcen, um die Armut in der Schweiz anzugehen. Doch politische Hürden und wirtschaftliche Interessen verhindern oft die effektive Umsetzung dieser Lösungen. Ironischerweise sind es oft genau diejenigen, die von der Armut profitieren, die Veränderungen blockieren.

 

Die Hauptursachen für Armut sind oft strukturell bedingt. Es geht nicht nur um individuelle Faktoren wie Bildungsniveau, Kinderanzahl oder soziale Herkunft. Moderne Risiken wie Arbeitslosigkeit und Scheidung können jeden treffen. Armut betrifft Menschen in verschiedenen sozialen Schichten der Gesellschaft.

Selbst die reichsten Schichten sind nicht immun gegen Armut. Ein unvorhergesehenes Ereignis kann dazu führen, dass sich die Situation rasch verschlechtert. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung sind nie von Armut betroffen, während 20 Prozent einem Risiko ausgesetzt sind und 10 Prozent dauerhaft in Armut leben. In der "reichen" Schweiz ist also bereits jeder dritte Mensch direkt oder indirekt von Armut betroffen.

 

Die finanzielle Seite der Armut wird deutlich, wenn man die Zahlen betrachtet. Im Jahr 2021 betrug die Armutsgrenze durchschnittlich 2'259 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3'990 Franken pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren. Dies verdeutlicht, wie viele Menschen tatsächlich von Armut bedroht oder betroffen sind.

 

Trotz einer mäßigen wirtschaftlichen Entwicklung ist die Armutsquote gestiegen. Parallel zur Zunahme der Bevölkerung ab 65 Jahren haben sich auch die Sozialausgaben für Alter und Krankheit erhöht.

Die Armutsproblematik betrifft auch verschiedene Altersgruppen. Langzeitarbeitslose, besonders Personen über 50, sind überdurchschnittlich stark von Armut betroffen. Sie sind oft die ersten Opfer wirtschaftlicher Entwicklungen und haben Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen.

 

Die Armut in der Schweiz ist eine komplexe Angelegenheit, die viele Facetten hat. Sie geht über finanzielle Not hinaus und beeinflusst wichtige Lebensbereiche. Die Definition von Armut hängt von der Perspektive ab, aus der sie betrachtet wird. Die "mediale Armutslücke" ist eine gängige Messgröße für die Intensität der Armut und ihre hohe Quote in der Schweiz ist besorgniserregend.

 

Es ist an der Zeit, dass wir uns ernsthaft mit der Armut auseinandersetzen und konkrete Maßnahmen ergreifen. Die Zukunft der Schweiz hängt davon ab, wie wir diese Herausforderung bewältigen. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, in Würde zu leben, unabhängig von finanziellen Hindernissen oder Lebenslagen.  

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