Adam Smith ist weit mehr als die „unsichtbare Hand“

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 

KOMMENTAR

 

Gelegentlich nutze ich diese Plattform für ein wenig Aufklärung über wissenschaftliche Grundlagen aus meinen Vorlesungen. Ich weiß, dass so ein „akademischer Stoff“ weniger spannend ist, aber es ist mir wichtig, der teilweise unerträglichen Verwendung von Grundlagenbegriffen in Politik und Medien zumindest gelegentlich zu widersprechen.

 

Ein oft fast schon missbräuchlich verwendeter Denker ist Adam Smith, der gerne auf seine „unsichtbare Hand“ reduziert und als Vater des „Homo oeconomicus“ verunstaltet wird. Ab den 70ern des vergangenen Jahrtausends gab es tatsächlich in der Ökonomie eine „neoliberal“ genannte Welle von Schriften, die dieses Konzept als maßgebliche Idee unserer Wirtschaftsordnung bezeichneten und auch der deutsche Ordoliberalismus ist nicht frei von dieser falschen bzw. verkürzten Fokussierung.

 

Beispiel dazu: Arrow und Hahn schrieben 1971, der Wettbewerbsmechanismus allein bewirkt eine optimale Allokation der Ressourcen, Schotter 1985 gar, nichts weiter als Selbstsucht ist nötig, um optimale gesellschaftliche Resultate zu erzielen.

 

Coole Idee, würden meine Studierenden sagen: Wir sind alle einfach nur ganz besonders egoistisch, gierig, unsere Ziele verfolgend und „der Markt“ führt trotzdem zu optimalen Resultaten. Auch Umverteilung ist nicht nötig, „trickle down“ nennt sich das, lass nur bei der Gier genug Reichtum zusammenkommen, auch wenn der „oben“ zuerst statt findet, verteilt der sich ganz automatisch nach unten. Kommt das aus Politik und Medien bekannt vor?

 

Das kann man aber auch ganz anders sehen, so formulierte Stiglitz 2020: Die unsichtbare Hand ist wohl deshalb unsichtbar, weil sie gar nicht existiert. Aber der ist bekanntlich ein „linker Ökonom“ – und damit muss man sich also nicht weiter befassen.

 

Leider findet in weiten Teilen der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten nur eine gänzlich verfehlte „rechts/links“ Lagerbildung statt, die mit Zerrbildern arbeitet, um politische Stimmung ohne weitere Inhalte zu betreiben. Nota bene: Von beiden Seiten, denn das „Argument“ des „neoliberalen Ökonomen“ kommt genauso schnell über diverse Lippen oder Tastaturen. Ich bin recht zufrieden damit, mir immer wieder beide Komplimente einzuhandeln.

 

Niemand anders als Smith selbst war bereits vor 300 Jahren wesentlich weiter als die in Deutschland heute noch stark vertretene ordoliberale Lehre, aus der ich selbst stamme, die man gewiss nicht wegwerfen muss, die man aber auch mal „überwinden“ darf. Smith hat zwar die Gedanken der Privatinitiative, des Eigentums, von Märkten, von Wettbewerb entwickelt, sich zugleich aber bereits sehr tiefe Gedanken über die Grenzen dieser Idee gemacht – und das schon zu einer Zeit, in der es noch gar keine Erfahrungen dazu gab. Letztlich sind Dinge wie „kognitive Dissonanzen“ von ihm bereits angesprochen worden, die erst Jahrhunderte später Nobelpreise erhalten sollten, welche es zu seiner Zeit auch noch nicht gab. Das ist übrigens bereits eine von mehreren Überlegungen, die zeigen, dass so ein Modell wie der „Homo oeconomicus“ gar nicht ausreichend sein kann.

 

Smith hat sich aber auch sehr viele Gedanken über das Miteinander verschiedener Gesellschaften gemacht und damit bereits Themen wie die Globalisierung oder die Rolle der Ökonomie in der Geopolitik angesprochen, lange, bevor die wirklich relevant wurden. Auch seine ohnehin für ihn maßgeblichen Gedanken zur Ethik sind letztlich so etwas wie Grundlagen für die Frage, wie wir mit unseren heutigen ökologischen Problemen umgehen könnten bzw. sollten.

 

Er hat insofern tatsächlich auch zur Klimakrise bereits vor 300 Jahren mehr gedankliche Leistung vorgelegt, also viele, die sich heute auf ihn berufen und denen er wohl sagen würde: Habt ihr mir denn überhaupt zugehört und wie kommt ihr bloß dazu, mich mit solchen engen Gedanken in Zusammenhang zu bringen. Schämt euch!

 

Smith selbst hat ein Leben geführt, das nach heutiger Lesart so etwas wie eine akademische und privatwirtschaftliche Spitzenkarriere zugleich wäre. Davon gibt es heute leider viel zu wenige! Dabei hat er es übrigens zu einem für seine Herkunft beachtlichen Wohlstand gebracht, den er vollständig für soziale Zwecke spendete. Ihn heute auf den „Homo oeconomicus“ zu reduzieren, ist also nicht nur falsch, sondern gewissermaßen sogar unethisch.

 

Ein freigeschalteter FAZ-Beitrag beschreibt sein Leben und sein Denken in gut verständlicher Form. Sehr lesenswert, ich war begeistert von dieser kurzen Vita, in der dankenswerter Weise die „unsichtbare Hand“ gar nicht erwähnt wird. Wer Interesse hat, den vielen Gedanken von Smith zu folgen, findet hier beispielsweise mit Hinweisen auf die Verhaltensökonomie oder die Kognitionswissenschaft Vertiefungsfelder, die sich sehr lohnen, wenn man Sinn et al. auch mal überwinden, Lanz et al. nicht mehr brauchen und Lindner et al. als Luftpumpen erkennen möchte.

 

Wer sich ein schlechtes Video antun möchte, findet dazu auch eine kleine Vorlesung von mir, die sich im Anwendungsteil mit den Energiemärkten beschäftigt.

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