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Jeder erzählt seine Geschichte

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 

KOMMENTAR

 

Es gibt so viele Verschwörungstheorien und tolle Geschichten, da will ich auch mal.

 

Meine beginnt mit einer Regierung, die es für eine gute Idee hält, Gas zum führenden Energieträger auszubauen. Warum sie das gut findet und welche Einzelpersonen das aus welchen Gründen auch immer für ganz besonders gut halten, würde meine Geschichte sprengen. Die Energieversorgung einer Nation nebst deren Preisen lässt sich damit übrigens auch sprengen, aber damit genug der Sprengung. Eine davon ist schließlich immer noch ungeklärt. Angeblich. In einem der bestens überwachten Seegebiete übrigens. Weiß trotzdem keiner, so sagt man. Aber ich wollte ja nicht schwätzen, sondern erzählen.

 

Ein Teil der großen Geschichte ist eine kleinere, meine eigentliche, nämlich die Idee, möglichst viele Haushalte mit Gasheizungen auszustatten. So ein paar Millionen sollten es schon sein, um die 45 sind es geworden, so liest man. Dafür finden sich sofort noch mehr, die das für eine ganz tolle Idee halten. Ein Gasnetz ist nämlich in Perfektion das, was man woanders „Kundenbindung“ nennt. Aber mehr noch, Ölheizungen sind eher komplexere Technologie, das Zeugs mag nicht von sich aus prima verbrennen. Bei Gasheizungen ist das leichter umsetzbar und überall, wo etwas leichter machbar ist, locken Vorteile. Manchmal sogar für die Verbraucher, oft aber für die Hersteller. Wenn die ihre Vorteile durchsetzen wollen, macht es Sinn, möglichst viele Verbündete ins Boot zu nehmen. Was liegt näher, als die Heizungsbauer angemessen hoch am Geschäft zu beteiligen, denn schließlich sind die es, die den Verbraucher „beraten“, der kaum Ahnung hat, welche Technik oder gar welches Produkt eines Herstellers er sich in den Keller stellen soll.

 

Hinzu kommt dann die Förderung der Regierung, das ist so etwas wie der Elektroschock für das klare Denken bei gleichzeitig heftigen Muskelzuckungen. Die Perfektion davon ist übrigens die steuerliche Förderung, denn bei der direkten Förderung bekommt man nur etwas geschenkt, bei der steuerlichen wird einem etwas geschenkt, was einem schon gehört, aber sonst gestohlen wird – oder so ähnlich. Wissenschaftler sprechen hier von kognitiven Verzerrungen, dabei ist die steuerliche Förderung die Kombination aus dem Reiz, einen Gewinn zu erlangen und einen Verlust zu vermeiden. Ist zwar nicht so, fühlt sich aber genauso an und das ist quasi der Doppelwumms der kognitiven Verzerrung.

 

Im Ergebnis muss man das, was gefördert wird, unbedingt haben, Preisüberlegungen werden dann vorsichtig formuliert „gestört“, was die nächste kognitive Verzerrung ist und die funktionieren alle deshalb so gut, weil wir überzeugt sind, keine zu haben, was übrigens als eine der wirksamsten erkannt wurde. Dieser Mechanismus, wir nennen das rationale Entscheidung, funktioniert ganz besonders gut, wenn die Förderung, aka Geschenk, befristet wird. Das kann gar die Panik erzeugen, das Geschenk zu versäumen. Heizungsbauer sind darauf trainiert, bei der „Beratung“ auf solche Fristen und zugleich Engpässe bei der Lieferfähigkeit hinzuweisen, weshalb Entscheidungen „leider“ sehr schnell zu fällen sind. Das sind immer die allerbesten Entscheidungen. Für wen auch immer. Vorbeugend der Hinweis, dass ich Heizungsbauern kein Unrecht tun will, Versicherungsvertreter und Finanzvertriebe machen das mit den Fristen genauso, es sei erwähnt.

 

Wie dem auch sei, ist das ein verhaltensökonomisch perfektes „Setup“, um tolle Geschäfte mit hohen Margen durchzusetzen und dabei Strukturen zu etablieren, die sich alle ganz prima verstehen, weil sich ihre Interessen bestens ergänzen. So etwas wie Wettbewerb mag es da auch geben, aber damit muss man es bekanntlich nicht übertreiben. Teil der Geschichte ist zudem, dass sich weltweit ohnehin eher andere Dinge tun und so was lästiges wie den Fernseher aus Südkorea, das Auto aus Japan oder das Smartphone aus China gibt es hier nicht. Kleiner Markt, wenige Teilnehmer, kaum Ausweichmöglichkeiten durch den Verbraucher. Wer holt sich schon mehrere „Berater“ ins Haus und macht man es trotzdem, so hört von dem einen, dass es nach seiner breiten Marktrecherche die Viessmann-Heizung sein sollte, während die Recherche des anderen die von Buderus ergibt. Unterschiede gering, Margen inklusive, wobei die nicht gering sind, das ist hier nicht zu verwechseln.

 

Der aufmerksame Verbraucher hat das natürlich schon immer leicht bemerken können. Eine Heizung mit allem drum und dran kostet schnell mal so viel wie ein Kleinwagen. Wenn daran Teile kaputt gehen, die sich „Steuerung“ nennen und deren Funktion über die Regelung von ein paar Ventilen in Abhängigkeit von einem Temperaturwert nicht hinaus geht, darf man alleine für das Teil einen vierstelligen Betrag hinlegen. Einbau, Wartung und Inbetriebnahme kommen hinzu, was nicht „Plug and Play“ ist, sondern einige Stunden in Anspruch nimmt. Verwundert vergleicht man das mit der Entwicklung des Preis/Leistungsverhältnisses bei anderen Technologieprodukten und fragt sich, warum Heizungen immer noch die Komplexität von Kernreaktoren haben. Spricht man mit Insidern, so erfährt man: Haben sie nicht, ist Teil des Geschäftsmodells. Märkte haben multiple Effekte bemerkt der Ökonom dazu.

 

Nun stellen wir uns aber mal rein theoretisch vor, das mit dem Gas entpuppe sich als zweitbeste aller Ideen und nun müsse diese schöne Geschichte ein Ende finden. Ich könnte mir vorstellen, dass dann ganz viele anfangen ganz furchtbar laut zu werden. Typische Stichworte sind Arbeitsplätze, wertvolle Infrastrukturen, die zu erhalten sind, bewährte Technologien, wertvolle Dinge, die wir alle im Keller haben, so eine Gasheizung wird gar zum Vermögenswert, eine Apple-Aktie ist ein Relikt dagegen, die kann man den Menschen doch nicht weg nehmen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sich plötzlich gar keiner findet, der etwas anderes als Gasheizungen einbauen kann. Die Unmöglichkeiten so eines Endes lassen ein Wachstum erkennen, das man anderweitig nur vermissen kann. Und diese komischen Fernseher aus Südkorea, die man sich dort einfach kauft und anschließt, ach nee, die heißen ja Wärmepumpen, die taugen alle nichts und die Lieferketten, die Abhängigkeiten und überhaupt. Will man davon trotzdem eine haben, ist die, wie merkwürdig, auch so teuer wie ein Kleinwagen. Märkte haben multiple Effekte.

 

Also endet unsere Geschichte eben doch nicht so einfach. Im Gegenteil treten sie im Fernsehen auf und erzählen uns, dass wir ohne Gasheizungen gar nicht leben können. Sauerstoff ist dagegen vollkommen überbewertet. Parallel stehen in unseren Kellern die vom anderen Ende der Wirkungskette und empfehlen uns, ganz schnell noch eine neue davon einzubauen, bevor man uns die alte wegnimmt. Macht zwar keinen Sinn, sich selbst etwas wegzunehmen und dafür auch noch teuer zu bezahlen, aber hier kommt er wieder, dieser Effekt mit der Frist und da droht etwas emotional noch gewaltigeres als ein Geschenk, nämlich der Totalverlust.

 

Der ist zwar vorher schon eingetreten, nämlich bei der Orientierung, aber Märkte haben nun mal multiple Effekte, politische ganz besonders. Deshalb ist es so wichtig, dass der Staat Märkte zwar regelt, möglichst klar und konsequent zudem, sich ansonsten aber da raus hält, hören wir. Auch das erzählen sie uns derzeit, aber lassen können sie es irgendwie alle nicht.

So erzählt jeder seine Geschichte.

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