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Eine Standortdebatte mehr – aber wieder mal anders

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 

KOMMENTAR 

 

Es ist vollkommen richtig und wohl auch unstrittig, dass Deutschland sein Herz für wirtschaftspolitische Debatten entdeckt. Nach den Epidemiologen und den Militärexperten folgen nun die vielen Ökonomen. Als solcher vertrete ich schon sehr lange den Standpunkt, dass Klima- und Wirtschaftspolitik keinen Widerspruch bedeuten. Das führt natürlich in vielen Debatten zu deren sofortigem Ende. Wer an der Stelle wieder versucht ist, die Klappen fallen zu lassen: Nur Mut, noch ein paar Absätze könnten sich lohnen.

 

Nun zeigt sich nämlich tatsächlich an vielen Stellen, dass genau dieser Standpunkt weltweit verfolgt wurde und erste konkrete Ergebnisse erzeugt. So sind Erneuerbare Energien inzwischen die – sogar mit Abstand – billigste Erzeugungsform und der Trend dieser Preisschere wird noch weiter gehen. Es geht aber nicht nur um Energieerzeugung, sondern auch um die Verwendung in Form vollständig elektrifizierter Systeme. Auch hier erkennen wir „plötzlich“ große Fortschritte beispielsweise bei der Mobilität oder der Wärmeerzeugung. Ich weiß, nur linksgrünes Geblubber, der Strom ist doch trotzdem so teuer, die nicht vorhandenen Speicher sind auch noch unbezahlbar und so weiter. Durchhalten bitte.

 

Leider sind diese weltweiten Fortschritte mit der Erkenntnis verbunden, dass sie bei uns nicht ausreichend stattgefunden haben. Das heißt aber Rückstand unserer Industrie mit entsprechenden Folgen. Eine davon ist, dass gar nach staatlichem Schutz für rückständige Produkte und Geschäftsmodelle gerufen wird. Das wird gerne als strategisch kluge Standortpolitik bezeichnet und mit Begriffen wie Technologieoffenheit oder Marktwirtschaft verbrämt, deren Grundsätze man genau damit zugleich sofort verletzt. Wer die Verkrustungen hingegen aufreißen will, gilt sehr gerne als wirtschaftsfeindlicher Zerstörer, der eine Deindustrialisierung fördert. Jaja, schon wieder, jetzt redet er vom Habeck, aber der ist doch alles schuld. Vielleicht doch noch durchhalten?

 

Wir erleben tatsächlich eine rückständige Kampagne von das eigene Versagen nicht erkennenden Strukturen, die deren Untergang verzweifelt allenfalls noch verzögern können. Ich selbst erlebe Verästelungen dieser Kampagne täglich, denn selbst reine Daten zur oben genannten Kostenentwicklung bei der Energieerzeugung oder die zuletzt dokumentierten Investitionen in den USA können mit manchen Kreisen und in manchen Foren nicht mal diskutiert werden. Klimapolitik ist wirtschaftsfeindliche Deindustrialisierung, es ist reine Ideologie, die unseren Wohlstand vernichtet, Punkt. Höhepunkt sind Leute, die auf meinem Profil Kommentare absondern, wer so über Klimapolitik spreche, zeige, „wes Geistes Kind er ist“, um mich dann sogleich zu sperren, damit ich nicht mal darauf antworten kann. Debatte unerwünscht, meist mit dem Hinweis, man habe sich an Fakten zu orientieren. OK, das war jetzt böse, so mancher wird sich unangenehm angesprochen fühlen und diesen linksgrünen Ideologenirrsinn nicht mehr lesen wollen. Durchhalten bitte, da kommt noch was.

 

Denn, diese Fakten – jaja, so ist das – scheinen für viele zu schmerzhaft, daher will ich hier einige ergänzen. Die ersten beiden Charts sind ein Beleg für meine Thesen, denn hier geht es um die Energie-Produktion sowie als ein Beispiel um die weitere Verwendung in Form elektrifizierter Systemketten, hier die E-Mobilität. Demnach wird die Energie überwiegend Erneuerbar produziert und der Automobilsektor vollständig elektrifiziert. Falls gewisse, stets an einer offenen Debatte interessierten „Kinder anderen Geistes“ bis hier hin gelesen haben, kann ich mir schon denken, was die Reaktion ist: Schon wieder so ein ökoterroristisch linksgrünes faktenfernes Datengeschwurbel, irgendwelche Zahlen zusammengebaut, die Hälfte weggelassen.

 

Jetzt aber bitte nicht mehr aussteigen, denn: Meine kleine Hoffnung besteht darin, die Restaufmerksamkeit für zwei Sekunden auf diese Charts von oben links nach unten rechts zu lenken: Dann ist man vielleicht in der Lage, so gerade noch „USA“ und „Goldman Sachs“ wahrzunehmen. Das sind nach einschlägiger Dogmatik zumindest nicht die führenden linksgrünen Ökoterroristen – oder?

 

Wer den neoliberalen Ultrakapitalisten nun etwas mehr Aufmerksamkeit widmet, kann hier folgendes ablesen: Dieser Goldman-Report liefert neben der Prognose eine ausgesprochen relevante Analyse, weshalb es zu der Entwicklung kommen wird. Der Grund ist nämlich der oben genannte: Erneuerbare Energien sind ökonomisch bei weitem überlegen und die Entwicklung elektrifizierter Gesamtsysteme ist es ebenfalls. Der Vorsprung Chinas in einigen der damit verbundenen Bereiche, zurückzuführen auf eine dort klar erkennbar durch Staat und Wirtschaft koordinierte strategische Industriepolitik, wird als Grund genannt, weshalb in den USA nun massiv Kräfte gebündelt werden, diesen ökonomisch neben der Digitalisierung wichtigsten Trend aufzunehmen. Der sogenannte „Inflation Reduction Act“ der Regierung wird dabei nicht mal als Treiber, sondern als – notwendige! – Reaktion auf die bereits zuvor beginnende Reaktion der US-Wirtschaft bezeichnet. Goldman kommt dabei zu dem Schluss, dass der IRA seitens des US-Staats ein Investment von bis zu 1,2 Billionen US$ bedeuten wird und dass weitere bis zu 3 Billionen US$ an privaten Investments dadurch ausgelöst werden (Chart3).

 

Mehr als 4 Billionen! Bei den linksgrünen ökosozialistisch und stets sich deindustrialisierenden Amerikanern. Müssen die doof sein, die Amis, offensichtlich noch blöder als die Europäer. Wie gut, dass die Chinesen unsere Verbrenner weiter kaufen wollen – oder halt, das sind ja die Afrikaner. Vielleicht sorgen wir noch dafür, dass die auch unsere Gasheizungen zusätzlich nehmen. Die Amerikaner können wir demnach vergessen, die spinnen noch mehr als der Habeck, der an allem schuld ist, vielleicht auch an der Zerstörung dieser für unsere führende Technologie bisher zweitwichtigsten Absatzmärkte? Oder ist der Biden gar der noch schlimmere Habeck? Na, da würde ich aber mal die laufenden Budget-Gespräche mit den Republikanern genauer bewerten. Die wollen nämlich ganz viele Dinge ganz anders machen als die Demokraten – das hier aber ausgerechnet nicht. Die Idee, das Erfolgsmodell Chinas bei der Elektrifizierung mit viel Geld und einer „America first“ Doktrin im kapitalistisch/unternehmerischen Turbomodus zu überholen, finden alle Lager dort richtig. Zudem: Da viele Technologien insbesondere in der Erzeugung gerade so eine wunderbare Reife erreicht haben, die geradezu nach Ernte ruft, kann das sogar ganz gut klappen, was die da gerade starten.

 

Die ganz doofen unter den Amis haben das schon zwei, drei Jährchen früher erkannt. Das sind so rückständig ökoterroristische Deindustrialisierungsdogmatiker wie Amazon, Google und Microsoft. Die investieren bereits seit einigen Jahren alleine an öffentlich bekannten 15 Milliarden Dollars in Erneuerbare Energien sowie deren Verwendung im weitesten Sinne (Chart4). Wohin diese 15 Milliarden geflossen sind, ist den Charts 5 bis 7 zu entnehmen und das sollten wir Europäer uns wirklich ganz genau anschauen, denn hier liegen die relevanten Unterschiede zwischen dem, was in Europa mit Investments passiert und wie es in China oder jetzt mit diesen 4 Billionen in Amerika erfolgt.

 

Es ist nämlich weder so, dass diese gigantischen Mittel in existierende Großstrukturen einer etablierten Wirtschaft abfließen. Es ist auch nicht so, dass damit der Konsum von Endprodukten unkontrollierter Herkunft finanziert wird. Auch Milliardensubventionen von Fabriken, die nur nachbauen, was woanders bereits existiert, sind nicht Ziel dieser vielen Mittel. Es geht primär um Innovation, vollkommen neue Technologien und auch damit befasste Strukturen. In den USA sehen wir inzwischen Hunderte, wenn nicht Tausende neue und junge Unternehmen, die vom Großteil dieser 4 Billionen profitieren werden. In China waren das naturgemäß ebenfalls alles neue Unternehmen, komplett neue Strukturen, Produkte und Technologien, die es vorher nicht gab.

 

Hier schließt sich nämlich leider der Kreis, den man auch als Abwärtsspirale sehen kann. Die Europäer tun entgegen ihrer eigenen Auffassung nämlich viel zu wenig für diesen neuen Trend und wenn sie etwas in die Hand nehmen, tun sie es falsch. Dann werden entweder veraltete Strukturen konserviert oder angebliche Zukunftsinvestments in die Hände von etablierten Großunternehmen gesteckt, die letztlich damit auch primär alte Strukturen erhalten, statt wirkliche Innovation zu betreiben. Im Ergebnis existiert so eine Unternehmenslandschaft wie die in den Charts gezeigte in Europa in dieser Form leider nicht.

 

Das liegt nicht an mangelnder Expertise, davon haben wir in Europa (noch) keinen Mangel. Ich selbst begegne regelmäßig Leuten, die das in Form von kleineren Ingenieurbüros oder vielleicht auch kleineren technischen Manufakturen tun, ich weiß von sehr vielen, die das an Universitäten mit bescheidenen Forschungsetats leisten, aber es führt nur ganz selten zu etwas größerem. Jedes in den Charts gezeigte Start-Up ist um das Zigfache besser kapitalisiert sowie als wachsendes Unternehmen auch besser organisiert. Das wird sich zwangsweise leider sehr bald auch bei den Ergebnissen zeigen. Unsere Einzelkämpfer mit kleinen Teams arbeiten an denselben Ideen mit derselben Expertise – im industriellen Maßstab werden sie nur in wenigen Ausnahmefällen etwas erreichen.

 

Es ist richtig, dass wir nach der Klimapolitik nun die Wirtschaftspolitik als Thema erkennen. Ein Widerspruch besteht dabei nicht, die dogmatische Deindustrialisierung droht durch diejenigen, die das nicht erkennen wollen. Die angeblich technologieoffenen sind tatsächlich die Bewahrer veralteter Strukturen. Wer Technologieoffenheit wirklich verfolgt, findet in den Charts ein wahres Buffet an Ideen, die man fördern kann, mindestens aber nicht auch noch behindern muss. Die gibt es auch bei uns, aber sie sind klein, werden nicht gefördert und kämpfen auch noch gegen die Widerstände der Bewahrer und Verhinderer.

 

Ich sehe mich selbst immer noch als konservativen Menschen, wobei ich das stets mit meinen Werten verbunden habe und daher seit nun fast 40 Jahren in der Digitalisierung nie verstanden habe, weshalb viele Konservative so große Probleme mit Innovationen haben. Warum Konservative mit der Bewahrung unserer Natur so oft fremdeln, konnte ich noch weniger verstehen. Vielleicht ist die Bedeutung dessen, was sie unter Ökonomie verstehen, doch der stärkste sie leitende Wert. Dass sie nun aber nicht mehr verstehen, was Ökonomie ist und wie sie sich strategisch weiter entwickelt, sehe ich inzwischen als große Gefahr, denn das Konservieren von Versagen ist weder ein Wert, noch ein funktionierendes Geschäftsmodell.

 

Werdet mal wach, ihr konservativen selbsternannt wirtschaftsorientiert Denkenden, die ihr euch nur an eurem dummen Hass gegen Klimapolitik abarbeitet. Euer Hass hat euch so blind gemacht, dass ihr eure eigentliche Liebe, die Wirtschaft, in fossilem Staub vertrocknen lasst, ohne es überhaupt zu merken.

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