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Straumanns Fokus am Wochenende - Zeitenwende. Diesmal wirklich.

DMZ – POLITIK ¦ Dr. Reinhard Straumann ¦                    

KOMMENTAR

 

Längst ist Olaf Scholz‘ bedeutungsschweres Wort von der Zeitenwende sang- und klanglos verhallt. Dass wir uns über Unsäglichkeiten wie den herrschenden Krieg empören, uns aber ebenso schnell daran gewöhnen, gehört zu den Paradoxien unseres Zeitalters. Die Wahrnehmung dieses Krieges hat sich ebenso in unseren Alltag eingenistet wie die resignative Einsicht, dass auf der politischen Ebene beider Seiten nicht das geringste Interesse besteht, das Blutvergiessen zu beenden. Sollte hingegen Wladimir Putin einsehen, dass ein mörderischer Krieg kein gangbarer Weg ist, irgendein Problem zu lösen, oder sollte die amerikanische Regierungs- und Rüstungsnomenklatur zur Erkenntnis gelangen, dass die USA absolut keinen Anspruch auf ein Weltmachtmonopol haben – dann, ja dann könnten wir von einer Zeitenwende sprechen. Selten waren wir weiter davon entfernt als heute.

 

Stattdessen entwickelt sich im Schatten der Ereignisgeschichte eine ganz andere Zeitenwende, diskret, aber mit allen Anlagen, eine zu werden, die ihren Namen verdient. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI, resp. Artificial Intelligence, AI) hat mit der Öffnung für ein breites Publikum ("OpenAI") respektive der Plattform ChatGPT einen Quantensprung genommen. Ab sofort ist jedermann ein Problemlösungstool zur Hand gegeben, das im Begriff ist, die Welt auf den Kopf zu stellen. Nur hat es noch kaum jemand zur Kenntnis genommen mit Ausnahme von ein paar Studis, die schülerschlau bemerkt haben, wie alle Hausarbeiten an dieses Tool abgetreten werden können. Es erledigt sie in Sekundenschnelle und in perfekter Qualität. Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass die Folgen für unsere Arbeitswelt und generell für unsere Art und Weise, wie wir auf Problemstellungen zu gehen, einschneidend sein werden, grossartig und verheerend zugleich.

 

Denn jedesmal, wenn eine bahnbrechende, eine zeitenwendende Erfindung der Menschheit in den Schoss fällt (wie Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks oder die Entwicklung des Internets), stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft reif, vernünftig und anständig genug ist, um daraus einen grossen gesellschaftlichen Nutzen zu ziehen oder ob nicht Exzesse des Missbrauchs den Segen zerstören werden. Die Erfahrungen hierin sind leider vernichtend.

 

Was heisst Künstliche Intelligenz? Sie bezieht sich auf Computersysteme, die Aufgaben ausführen können, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordern würden, wie z. B. zu Lernen, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu finden und alles in menschlicher Sprache zu verarbeiten. KI ist in den letzten Jahren zu einer immer wichtigeren Technologie geworden, deren Anwendungen vom virtuellen persönlichen Assistenten bis hin zu selbstfahrenden Autos und vom Gesundheitswesen bis in die Finanzindustrie reichen.

Die Bedeutung der KI liegt in ihrer Fähigkeit, menschliche Fähigkeiten zu verbessern und die Effizienz verschiedener Prozesse zu erhöhen. KI kann verwendet werden, um riesige Datenmengen zu analysieren, um Muster zu erkennen und Vorhersagen zu treffen. KI kann auch zur Automatisierung von Routineaufgaben eingesetzt werden, sodass sich menschliche Mitarbeiter auf kreativere und komplexere Aufgaben konzentrieren können. Mit zunehmender Weiterentwicklung von KI-Systemen werden sie in der Lage sein, immer komplexere Aufgaben zu übernehmen, wie beispielsweise in der medizinischen Diagnostik und Arzneimittelforschung. KI wird voraussichtlich auch Branchen wie die Logistik, die industrielle Fertigung oder die Entwicklung autonomer Fahrzeuge, intelligenter Fabriken und Präzisionslandwirtschaftssysteme revolutionieren.

 

Was aber gänzlich neu ist, ist die Explosion der zu verarbeitenden Datenmengen. Das war zu Gutenbergs Zeiten nicht anders, aber im 15. Jahrhundert galten noch menschliche Massstäbe. Die Datenmengen, um die es heute und künftig geht, sprengen alles bisher Vorstellbare. Es geht um Aufgaben, denen der Mensch nicht mehr gewachsen sein wird. Wir sind Wurmfortsätze eines unüberschaubaren Systems geworden; wir stehen daneben und schauen, was die Maschine für uns entscheidet.

 

Bedenken? Ja, grosse, und nicht nur hinsichtlich der Menge an Arbeit, die zuvor von Menschen ausgeführt wurde. Wer wird diesen Menschen künftig Sinn vermitteln, wenn sie beschäftigungslos werden? Wer wird für ihre Kaufkraft sorgen? Es gibt auch Bedenken hinsichtlich ethischer Fragen. Welche Voreingenommenheiten steuern die Entscheidungsalgorithmen, welche Gefahren der Diskriminierung schliessen sie ein? Welche Risiken gibt es, die mit der Entwicklung autonomer Waffensysteme verbunden sind? Der Gesetzgeber muss sich schleunigst darum kümmern. Wir brauchen Richtlinien und Vorschriften, die eine ethische und verantwortungsvolle KI-Entwicklung fördern, und zwar lieber gestern als heute. Wo aber sind die Parlamente, die kompetent genug sind, solche Regeln zu erlassen? Wie können wir die Systeme zur Transparenz und Rechenschaftspflicht zwingen? Wie erreichen wir, dass bestehende Vorurteile nicht verstärkt oder Diskriminierungen aufrechterhalten werden?

 

Italien hat einen ersten Versuch unternommen: Nämlich denjenigen, die Weiterentwicklung und Nutzung von OpenAI vorerst einmal zu verbieten. Wer seiner eigenen Volkswirtschaft einen unaufholbaren Verzug bescheren will, ist mit diesem italienischen Vorgehen gut beraten. Avanti, dilletanti!

 

PS: Jetzt kann ich es ja sagen: Der vorliegende Text stammt nur circa zur Hälfte von mir. Die andere Hälfte hat OpenAI als Beantwortung von zwei Fragen produziert, die ich dem System ChatGPT eingegeben hatte. Ich brauchte für meine Hälfte knappe zwei Stunden. OpenAI schaffte es in zwei Sekunden.



 

 

 

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Seit 2020 finden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der «DMZ» Woche für Woche einen Kommentar von Dr. Reinhard Straumann. Mal betrifft es Corona, mal die amerikanische Aussen-, mal die schweizerische Innenpolitik, mal die Welt der Medien… Immer bemüht sich Straumann, zu den aktuellen Geschehnissen Hintergründe zu liefern, die in den kommerziellen Medien des Mainstream nicht genannt werden, oder mit Querverweisen in die Literatur und Philosophie neue Einblicke zu schaffen. Als ausgebildeter Historiker ist Dr. Reinhard Straumann dafür bestens kompetent, und als Schulleiter an einem kantonalen Gymnasium hat er sich jahrzehntelang für die politische Bildung junger Menschen eingesetzt. Wir freuen uns jetzt, jeweils zum Wochenende Reinhard Straumann an dieser Stelle künftig unter dem Titel «Straumanns Fokus am Wochenende» in der DMZ Mittelländischen Zeitung einen festen Platz einzuräumen.  


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