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Straumanns Fokus am Wochenende - Wer führt eigentlich Krieg gegen wen?

DMZ – POLITIK ¦ Dr. Reinhard Straumann ¦                    

KOMMENTAR

 

Fast exakt ein Jahr ist es her, dass Wladimir Putin seine an der ukrainischen Grenze aufmarschierten Divisionen in Bewegung setzte und den Krieg vom Zaun brach. Wir waren entsetzt, und wir sind es heute noch. Aber anders als vor einem Jahr, als vollkommene Klarheit herrschte über die Richtung der Aggression und den verbrecherischen Charakter dieses Kriegs, scheinen die Gewissheiten langsam ins Wanken zu geraten. Wer führt eigentlich Krieg gegen wen?

 

Die Informationslage vor einem Jahr lautete so: Ein geistig verwirrter, aggressiv-imperialistischer, nach verblichener Supermachtsgrösse gierender Autokrat überfällt mit seiner Armee einen friedlichen Nachbarstaat, um seiner Vision von einem eurasischen Riesenreich unter russischer Führung Nachdruck zu verleihen. Die gesamte westliche Presse propagierte diese Schwarz-Weiss-Darstellung in geschlossener Einigkeit. Hitler- und Stalinkarikaturen wurden aus der Mottenkiste hervorgekramt, in denen die beiden Schlächter zur Kleinfamilie des Grauens vereint wurden: Das Ehepaar Hitler-Stalin, das einen Kinderwagen vor sich herschiebt, aus welchem seine Brut in die Welt feixt, der kleine Wladimir. Zeitenwende war das Wort der Stunde: Auch wir, der friedfertige Westen, müssen nolens volens in den Krieg, weil der ewig böse Russe es so will. Dass Amerika die Ukraine sofort mit unendlichen Krediten bediente, erfüllte uns mit Dankbarkeit wie vor 80 Jahren, als die USA (notabene gemeinsam mit den Russen, die die Hauptlast an Opfern trugen…) Europa vom Nationalsozialismus befreite.

 

Gewiss, die historisch nicht ganz Unkundigen wussten damals schon, dass der Westen sein nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegebenes Versprechen, die NATO keinen Fussbreit nach Osten zu verschieben, gebrochen hatte, und zwar systematisch. Nur sagen durfte man das nicht. Wer es doch tat, wurde als Putinversteher verhöhnt, angeprangert und öffentlich in Talkshows von der Walze des vorgefertigten Pro-Amerikanismus überrollt.

 

Mittlerweile sind aber viele weitere Informationen dazu gekommen, die von so vielen Menschen rezipiert werden, dass die Einheitsmeinung langsam zu bröckeln beginnt. Heute wissen wir, dass die NATO nicht nur gegenüber Gorbatschow das Wort gebrochen hat, sondern dass sie sich einen ganzen Katalog von Provokationen leistete (einseitige westliche Kündigung verschiedener Abrüstungsverträge, viele NATO-Manöver direkt an der russischen Grenze, Stationierung von Mittelstreckenraketen in Polen und Rumänien, NATO-Aufnahmeversprechen an die Ukraine und Georgien etc.), mit welchen Putin aus der Reserve gelockt werden sollte. Das ist perfekt gelungen. Putin ist dem Ruf Ivans des Schrecklichen nichts schuldig geblieben.

Seither fügen sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht viele Mosaiksteine zu einem Bild zusammen. Seit der Krieg begonnen hat, ist Russland mit vielen Sanktionen überzogen worden. Bloss stellen wir bei genauerem Hinsehen fest, dass diese Sanktionen weniger Russland schaden als dem westlichen Europa. Und wer profitiert? Überflüssig zu fragen, wenn wir sehen, wie die amerikanische Waffenindustrie boomt und wie sich die Handelsströme auf der Welt verschoben haben. Europa darf in Russland gar nichts mehr einkaufen, schon gar kein Gas. Und damit das auch so bleibt, haben die amerikanischen Geheimdienste kurzerhand die Pipeline Nordstream 2 gesprengt (sagt selbst der Doyen der amerikanischen Investigationsjournalisten, der Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh).

 

Europa wird von Amerika gezwungen, die Energie zu einem Vielfachen des Preises und zum Schaden daselbst einzukaufen. Und wird durch aufgedrungene Waffenlieferungen genötigt, Schritt für Schritt zur Kriegspartei zu werden. Letzthin waren es die Panzer, jetzt geht es um Kampfflugzeuge. Wo soll das enden? Man muss kein Prophet sein: Sollte es in ferner Zukunft einmal um Fragen des Wiederaufbaus der Ukraine gehen, so werden Milliardenbeträge an EU-Geldern in die Ukraine fliessen… und durch die Ukraine hindurch direkt nach Amerika, damit dort die Kreditschulden für die Waffenlieferungen abgegolten werden können. Ein Narr, wer glauben würde, die USA würden der Ukraine auch nur einen Cent an Rückzahlungen ersparen.

All das sickert jetzt durch, der Phalanx der Mainstream-Medien zum Trotz. Das Zeitalter des Internets macht es möglich. Wer die politische Meinungsbildung auf Twitter verfolgt, stösst Woche für Woche auf mehr Wortmeldungen, die zum Ausdruck bringen: Genug ist genug. Sahra Wagenknecht: «Mit Kampfjets oder Raketen beendet man diesen Krieg nicht.» Jürgen Todenhöfer: «Zwickt ihr euch auch manchmal fest ins Bein, weil alles nicht wahr sein kann? Krieg mit Russland, US-Sabotage gegen deutsche Gasverbindungen, Inflation usw.» Weitere Zitate siehe dort! Wagenknecht und Alice Schwarzer haben ein Friedensmanifest erstellt, das von einer halben Million Menschen unterzeichnet wurde.

 

Zu Zeiten des Vietnam-Kriegs galt über Jahre hinaus das westliche Narrativ der Domino-Theorie: Wenn ein Domino-Stein fällt (das heisst: wenn Vietnam kommunistisch wird), dann fallen alle andern auch (Laos, Kambodscha, Burma, ganz Südostasien). Das war zur damaligen Zeit derselbe Stumpfsinn wie das aktuelle Narrativ des Ukraine-Kriegs: Wir stehen im Endkampf der Demokratie gegen die Diktatur. Vergesst es. Wir stehen im Endkampf der USA um die Weltherrschaft gegen ein abdankendes Russland und ein aufstrebendes China. Darum geht es in diesem Krieg.

 

In Sachen Vietnam-Krieg brauchte es Jahre, bis sich der Widerstand formierte. Heute dürfen wir dank dem Internet hoffen, dass es schneller geht, bis wir zur Klärung der Frage vorstossen, wer eigentlich gegen wen Krieg führt. Und für wen und wofür die ukrainischen jungen Männer die Kohlen aus dem Feuer holen.

 

 

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Seit 2020 finden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der «DMZ» Woche für Woche einen Kommentar von Dr. Reinhard Straumann. Mal betrifft es Corona, mal die amerikanische Aussen-, mal die schweizerische Innenpolitik, mal die Welt der Medien… Immer bemüht sich Straumann, zu den aktuellen Geschehnissen Hintergründe zu liefern, die in den kommerziellen Medien des Mainstream nicht genannt werden, oder mit Querverweisen in die Literatur und Philosophie neue Einblicke zu schaffen. Als ausgebildeter Historiker ist Dr. Reinhard Straumann dafür bestens kompetent, und als Schulleiter an einem kantonalen Gymnasium hat er sich jahrzehntelang für die politische Bildung junger Menschen eingesetzt. Wir freuen uns jetzt, jeweils zum Wochenende Reinhard Straumann an dieser Stelle künftig unter dem Titel «Straumanns Fokus am Wochenende» in der DMZ Mittelländischen Zeitung einen festen Platz einzuräumen.  


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