Die „Energieökonomie“ ist wissenschaftlich/medial noch problematischer als die „Virologie“

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DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 Montage (C) DMZ

KOMMENTAR

 

Bis heute wird ein angeblicher Streit in „der Wissenschaft“ über Corona medial geführt. Zu keiner Zeit bewegten wir uns in den Medien hingegen in so etwas wie einem engeren Korridor der wissenschaftlichen Bewertung der Pandemie, obwohl es den stets gab und gibt. Natürlich können Medien und Öffentlichkeit sich entscheiden, das anders zu diskutieren, aber es mit einem falschen Bild des wissenschaftlichen Diskurses zu tun, war und ist höchst schädlich, denn dadurch vermischen sich vermeintliche Tatsachenbehauptungen mit dem, was unser gutes Recht ist, was wir aber auch so zu bezeichnen haben: Meinungsäußerungen.

 

Nun gab und gibt es zu Corona bekanntlich medial sehr aktive Personen mit akademischen Graden, die eben dieses mediale Spiel mit der Empörung, der Sensation und den steilen Thesen bedienten. Ein trauriges Kapitel einer Wissenschaft, hier der Virologie und der Epidemiologie. Highlights waren hingegen gute Wissenschaftsjournalisten und methodisch klar positionierte Wissenschaftler wie Christian Drosten, dem gerne nachgesagt wurde, politisch zu agitieren, der aber im Gegenteil den Mut und die Aufrichtigkeit besaß, oft genug zu sagen, dass er etwas nicht weiß oder dass andere dazu besser Auskunft geben könnten – sobald es beispielsweise um Modellierung und Epidemiologie ging – und der in fast jedem seiner Podcasts auf den politischen Entscheidungsraum hingewiesen hatte, in dem er sich nicht sehe.

 

Bekanntlich hat er sich inzwischen aus der Öffentlichkeit und auch aus allen Beratungsgremien zurück gezogen. Bewertet man die Liste der wissenschaftlichen Publikationen, deren Verwendung und Zitierung, so verlieren wir damit den mit Abstand renommiertesten Virologen, übrigens explizit im Bereich der Corona-Viren, für die mediale Aufklärung und die politische Beratung. In dem verbliebenen Expertengremium der Bundesregierung sitzen aber nun in der Wissenschaft gar nicht stattfindende Akteure wie Claus Ströhr, der auf Twitter einen primitiven privaten Feldzug gegen den Gesundheitsminister führt, den er zugleich zu beraten hat. Für seine Lauterbach-Agitation findet er nicht selten tausende „Herzchen“ und er darf zur Belohnung regelmäßig in den Medien „berichten“, wie er die Lage einschätzt, er ist ja Experte der Regierung. Wenn er hingegen mal wieder zu Corona-Viren etwas fachlicher herum dilettiert, lachen tatsächlich in der Wissenschaft tätige inzwischen nur noch bitter – was aber kaum Resonanz findet (Chart1).

 

Was geht da schief im „Land der Dichter und Denker“? Warum nutzen wir wissenschaftliche Erkenntnisse nicht, um bessere politische Entscheidungen zu treffen? Wer berät unsere Regierung und wie werden Erkenntnisse von Wissenschaftlern, Experten, Fachleuten durch die Politik sowie die Medien aufgegriffen und verwendet?

 

Die Antworten auf diese Fragen sind leider wie beim Beispiel Drosten versus Ströhr vollkommen unbefriedigend und bei der Energiekrise ist das alles noch viel schlimmer! Nachdem die Energiepreiskrise Corona in der Aufmerksamkeit inzwischen verdrängt hat, erleben wir nach den Coronaexperten nun die vielen Energieexperten. Wer plötzlich „Energieökonom“ geworden ist, verwundert sehr. Nicht wenige waren zuletzt in der Finanzkrise als „Finanzökonomen“ präsent und sie werden gewiss wieder als „Chinaökonomen“ auftauchen, sollte die Handelsbeziehung zu dem Riesenreich im Osten uns eine weitere Krise bescheren.

Leider muss ich als Ökonom einräumen, dass wir hier tatsächlich so etwas wie eine Krise dieser Wissenschaft haben, weshalb die Sache mit unserem Wissen, dessen Nutzung und dem politischen Entscheidungsraum leider wesentlich dürftiger ist, als bei der Virologie. Das setzt sich nahtlos in den Medien fort, die ähnlich Corona beinahe täglich irgendeine These mit einem der bekannteren Expertengesichter durch´s Dorf jagen. Besonders beliebt sind aktuell die Kernkraftthemen, mit denen sich wohl die größte Stimmung machen lässt – schlechte Bücher kann man damit auch bestens verkaufen.

 

Was da passiert, will ich anhand eines Pressebeitrags im Detail beleuchten, den ich hier nicht durch Verlinkung belohnen möchte, sondern in Chart2 mit dessen Aufmachung zeige, die den Inhalt leider sogar ausnahmsweise mal korrekt wiedergibt.

Dieser Beitrag reiht sich nahtlos in zahllose weitere ein, die den Weiterbetrieb der drei verbliebenen Kernkraftwerke thematisieren und gerne mit einem Seitenhieb auf Robert Habeck kombinieren.

Vorab kurz zu Habeck: Ich habe hier oft genug die Vermutung geäußert, dass dem der Weiterbetrieb bereits seit längerem klar war und dass er sich bei den Grünen nicht mit einer diesbezüglich offensiveren Regelung durchsetzen konnte oder wollte. Das halte ich für einen politischen Fehler, denn aus Gründen des europäischen Stromsystems werden diese Kapazitäten gebraucht, aus meiner Sicht zudem alle drei. Ich hatte das als „Marginaldebatte“ bezeichnet und rein sachlich – das wird hoffentlich im Folgenden klar – ist sie genau das. Sie wurde und wird aber politisch besonders hoch stilisiert, um damit Stimmung zu machen sowie von anderen Themen abzulenken. Habeck selbst ist daran nicht unschuldig und nicht unbeteiligt.

Damit aber zum FAZ-Beitrag und den darin zitierten Ökonomen, deren Wirken ich nun sehr genau untersuchen möchte. Zunächst kommt der FAZ-Beitrag reichlich spät, denn die hier zitierte Studie Studie vom Ifo-Institut liegt bereits seit Wochen vor und die von Grimm et al. kommt ihrerseits reichlich spät, denn die Entscheidung in Sachen Weiterbetrieb zeichnete sich längst ab. Der FAZ-Beitrag wärmt aber eine Debatte noch mal auf, die genau so seit vielen Wochen die Medien und die Politik fast schon dominiert – und hier leider keinesfalls eine Marginalie darstellt, die sie inhaltlich aber ist.

 

Eine der besonders oft in der Sache zitierte Wissenschaftlerin ist eben jene Prof. Veronika Grimm, die inzwischen eine zentrale Beratungsfunktion eingenommen hat, denn sie sitzt der Kommission vor, die nun über die sogenannte „Gaspreisbremse“ zu befinden hat. Sie wird daher in den Medien immer prominenter und ist auf dem Weg, zur führenden Energieökonomin des Landes aufzusteigen. Sie selbst promotet sich auf ihrem Twitter-Account, der ihre wachsende Bekanntheit bestätigt. Hier ist auch die Genese der Studie gut erkennbar, bei der sie mitwirkte, die in dem FAZ-Beitrag nochmals zitiert wird und die tatsächlich die einzige wissenschaftliche Quelle von Grimm zum aktuellen Thema darstellt.

 

Grimm selbst hat am 7. Oktober die Studie vorgestellt (Chart3): Sie spricht von einer Kurzstudie mit dem Ergebnis, EE-Ausbau, AKW-Laufzeitverlängerung und Betrieb aller Kohlekraftwerke sei nun angezeigt.

 

Bereits diese eigene Zusammenfassung von Grimm entspricht aber nicht den Schwerpunkten, die in der Studie selbst gesetzt werden. Dazu gleich mehr, vorher die Reaktion der Medien, die aber von Grimm selbst weiter gegeben werden und in denen Sie selbst in Interviews regelmäßig mit der Forderung des Weiterbetriebs – und sonst eben keiner Botschaft – auftritt. Das erste Beispiel ist in Chart4 zu sehen, hier postet Grimm selbst einen NZZ-Beitrag, der die Studie nun nochmals „fokussierter“ zitiert, als sie selbst es tat: Laufzeitverlängerung bringt Strompreisreduktion lesen wir da als Kern der Studie. Genau so wird das Thema bekanntlich in der Politik und vielen Medien gedreht. Das Handelsblatt (Chart5) hat kurz danach denselben Chor gesungen und auch das hat Grimm sofort – kommentarlos – weiter gegeben.

Die Welle, die das auslöste, führte rasch zu einer steigenden Medienpräsenz von Grimm, die in Chart6 zu sehen, bei Cicero dann gleich mit eigenem Konterfei diese These mit der Preissenkung durch Kernkraftwerke persönlich unterstützt.

Damit nun zum Inhalt dieser Kurzstudie, die in diesen Medienbeiträgen inklusive der kräftigen Mitwirkung von Grimm selbst als wissenschaftliche Aufforderung zu lesen ist, durch mehr Kernkraftwerke wäre eine Preissenkung erreichbar. Nur kurz will ich darauf hinweisen, dass dieses Thema in vielen Social Media Foren genau so immer extremer gespielt wird. Das führt zu Thesen wie einer bevorstehenden De-Industrialisierung durch den Verzicht auf Kernkraftwerke in Verbindung mit dem typischen Bashing von Erneuerbaren Energien und den Grünen. Wer sich einen Überblick zu dieser Stimmung verschaffen möchte, findet den präzisesten und umfassendsten Überblick in den Foren des Buchautors Vince Ebert, der sich mit fast schon obszöner Pseudowissenschaft über die angebliche Bedeutung von Energiedichte oder ähnlichem in eine Art Kernenergiereligion verabschiedet hat, die leider sehr viele Fans findet. Grimm wird in solchen Foren natürlich gefeiert, sie gibt dem den wissenschaftlichen Stempel, denn sie ist schließlich Wirtschaftsweise und nun sogar Vorsitzende einer Beratungskommission für die Vergabe von vielen Milliarden unseres Geldes. Das ist die hier nur kurz angerissene, aus Platzgründen aber nicht weiter dokumentierbare Tiefenwirkung, die sich hinter solchen Medienbeiträgen entwickelt.

 

Betrachtet man hingegen (Chart7) zunächst mal die eigene Zusammenfassung der Studie von Grimm et al., so kann man sich nur die Augen reiben. Hier steht nämlich etwas von einer europäischen Situation und bereits im zweiten Satz wird der Fokus der Studie gänzlich anders beschrieben: „Zunächst rückt die Notwendigkeit, die Erneuerbaren Energien schnell und ambitioniert auszubauen noch stärker in den Fokus“. Die Überlegungen zu weiteren Kraftwerken werden mit der Formulierung „darüber hinaus“ eingeleitet. Weiter lesen wir das Fazit: „In den Ergebnissen zeigt sich, dass die externen Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene in Summe einen deutlich größeren Einfluss auf die zukünftige Entwicklung der durchschnittlichen Strompreise haben als die untersuchten nationalen Maßnahmen in Deutschland.“ Zu den in den Medien so herausgehobenen Kraftwerken kommt die Einleitung zu der Bewertung: „Für das Jahr 2024 gibt es im pessimistischen Szenario einen Fall, für den eine temporäre Verlängerung der Kohle- und Kernkraftwerke für einen sehr begrenzten Zeitraum sinnvoll erscheint“.

 

Schaut man in die Studie selbst (Chart8), so wird nochmals deutlicher, was diese Zusammenfassung nur andeutet: Hier sind an zusätzlichem Ausbau von Erzeugungskapazitäten bis 2024 an Erneuerbaren bis zu 45,2 GW und bis 2027 bis zu 138,7 GW gefordert. Im Vergleich dazu: Kernkraftwerke 4,1 GW und Kohlekraftwerke 2,7 GW !!

Bevor ich zum Preisargument komme, darf die Frage gestattet sein, ob Grimm, die Autoren dieser Medienbeiträge oder gar die Ebert-Fans diese Studie überhaupt gelesen haben? Bei letzteren muss man vermuten, dass es nicht so ist. Aber Grimm selbst wird sie wohl sehr präzise kennen, was bewegt sie und die Journalisten, daraus solche Medienbeiträge abzuleiten?

 

Eine Antwort ist nicht möglich, aber das ist für eine Wissenschaftlerin inakzeptabel. Ich sehe auch nicht, dass hier eine im Umgang mit den Medien Unerfahrene sinnentstellend und gegen ihren eigenen Willen falsch Interpretierte erkennbar wäre. Dazu ist sie in ihren Interviews selbst zu klar mit dieser einseitigen These unterwegs und sie promotet diese Beiträge ohne jeden korrigierenden oder einordnenden Kommentar. Ich werde dieses Vorgehen abschließend einordnend kommentieren, aber zunächst mal zum „Preisargument“, denn das ist unmittelbar eine Brücke zu der oben bereits genannten Ifo-Studie sowie zu weiteren „Energieökonomen“ sowie deren Wirken in dieser Preiskrise. Chart9 ist die den Preiseffekt angeblich erklärende Darstellung der Studie zu entnehmen.

 

Das ist fachlich/methodisch vollkommen identisch mit dutzenden Studien aus der allgemeinen Ökonomie, mit denen wir derzeit „gesegnet“ sind. Es ist kein Zufall, dass die alle identisch sind und allenfalls zu ein paar Prozentpunkten unterschiedlichem „Preiseffekt“ kommen. Denn: Das ist nichts anderes als – ordentlich angewandtes – Wissen aus dem Grundstudium eines ordentlichen Volkswirtschaftsstudenten in Deutschland. Es geht hier verkürzt ausgedrückt um eine Angebotskurve mit einem (angeblich) identischen Gut, die auf eine Nachfrage trifft und über Preis/Mengen-Effekte reagiert. Ich verweise hier gleich auf Chart10 aus der ebenfalls gerne zitierten Ifo-Studie, die das gar „EU-Regen“-Modell taufen und damit auch etwas ganz Besonderes für den Strommarkt zu leisten glauben.

 

In Chart11 ist ein weiteres Beispiel davon zu finden. Das stammt von dem Energieökonomen Lion Hirth, der sich vor allem auf Twitter ebenfalls ein größeres Forum begeisterter Fans aufgebaut hat, die er mit Thesen über „marktgerechte“ Preise und stramm ordo- bis neoliberalen Botschaften versorgt. Bloß nicht die Märkte stören, die Preise wirken lassen, Knappheiten erzeugen höhere Preise, aber das bewirkt Spareffekte und Angebotserweiterung zugleich als marktwirtschaftliche Lösung. Alles gut, alles laufen lassen, regelt sich von selbst. Auch das ist VWL-Grundstudium in Deutschland. Von Hirth habe ich ein Beispiel herausgesucht, bei dem er vor einem staatlichen Preiseingriff warnt, denn der würde nach diesem immer noch selben Grundmodell zu einer weiteren Verknappung des Angebots führen.

 

Wer das bis hier als Volkswirt liest, fühlt sich vielleicht – angenehm oder nicht – an das eigene Studium erinnert. Andere werden sich an die vielen Vorträge von Ökonomen oder Politikern in Talkshows erinnern, die für die Aufrechterhaltung der Marktmechanismen und deren heilende Kräfte plädieren. Das wir entsprechend in den oben genannten Foren in Social Media stramm weiter gegeben. Zugleich schauen wir wohl alle auf diese Preise, auf unsere Rechnungen und fragen uns, wie das mit diesem „Markt“ jetzt weitergehen soll, bis der mal eine „Lösung“ der „Knappheit“ liefert. Verständlich, dass da Botschaften, man müsse das Angebot halt erhöhen, sei es durch Kern- oder Kohlekraftwerke, vielleicht allzu willkommen sind? Nun, dieses volkswirtschaftliche Grundmodellchen ist für den Strommarkt vor allem eines: Untauglich. Es berücksichtigt weder die technischen Kausalitäten dieses Marktes, noch seine Marktstrukturen oder den gesetzlich vorgeschriebenen Börsenpreismechanismus „Merit-Order“. Damit kann man gerne Studierenden im Grundstudium einen Einstieg in die Marktwirtschaft verschaffen, man sollte aber dazu sagen, dass es sogar bis heute auch Märkte gibt, die sich damit ganz ordentlich oder zumindest ohne größere Unfälle erklären lassen. Aber das war´s dann auch schon!

 

In Chart11 sehen wir, wie der Strompreis tatsächlich entsteht, hier exemplarisch in der laufenden Woche. Wir sehen hier Preisschwankungen innerhalb eines Tages von wenigen Cent auf bis zu 600 EUR pro MWh. So ganz vielleicht erkennt man an der Stelle bereits mit oder ohne VWL-Studium, dass man diesen Markt besser mal etwas spezifischer betrachten sollte?

 

Die grüne Fläche sind die Erneuerbaren Energien, die graue alle konventionellen Kraftwerke. Erkennbares Muster: Sobald die Erneuerbaren die Kraftwerke verdrängen sinkt der Preis, ggf. bis Null. Sobald die Kraftwerke benötigt werden, steigt der Preis, ggf. um Faktor 600 und mehr innerhalb weniger Stunden. Das geht jeden Tag genau so, nur das Preisband ist etwas anders. Der für uns Verbraucher mittelfristig maßgebliche Preis ist der gleitende Durchschnitt dieser verrückten Oszillation, es ist also leider kein spannendes Kino, sondern unser aller Realität.

 

Wie diese Preise zustande kommen, kann man – ich will das bewusst ganz deutlich sagen – kausal gar nicht mehr eindeutig erklären, ich versuche aber eine Annäherung. Dazu ist es wichtig, die tatsächliche Stromerzeugung (Chart 13) zu analysieren. Hier sehen wir in dieser rosa oder hellbraunen Farbe den derzeit alles entscheidenden Faktor: Das sind die diversen Gaskraftwerke. Ebenso ist leicht erkennbar, dass wir einige Grundlasterzeuger haben, das sind die wie Uhrwerke laufenden Kernkraftwerke oder auch die Biomasse. Darüber gibt es mit mäßiger Elastizität die Braunkohle, dann die Steinkohle mit höherer Elastizität und die am agilsten wirkenden Gaskraftwerke sowie die Wasserspeicher. Den Rest produzieren Wind und Sonne wie sie gerade anfallen, sofern sie nicht abgeriegelt werden müssen, weil das Netz sie nicht mehr aufnimmt. Das passiert immer, wenn die schwarze Kurve, das ist (ungefähr, weil es hier die Prognose ist) die Last, die das Netz tatsächlich braucht. Da wir kaum Speicher haben, werden Überschüsse momentan überwiegend vernichtet – auch bei den konventionellen Kraftwerken. Ein Thema für sich.

Nun zur Frage, wie der Preis für diese Erzeugung zustande kommt. Das erfolgt über die inzwischen weitgehend bekannten Merit-Order Auktionen: Dabei stellen Einkäufer von Strom ihren Bedarf zur Auktion und die Produzenten können darauf Gebote abgeben. Beim Strom heißt das aber – und deshalb ist er eben kein Einheitsprodukt, was bereits Voraussetzung für das oben genannte VWL-Modellchen ist – vor allem: Sofortige Lieferbarkeit, denn anbieten kann nur, wer auch den Strom produzieren kann. Bei Wind und Sonne hängt das vom Wetter ab, bei den trägen Kraftwerken aus der Grundlast davon, ob noch Kapazität übrig ist, bei den übrigen von der jeweiligen Planung des Betreibers. Dabei gilt: Bei Kohlekraftwerken muss das vorher bereits geplant gewesen sein, denn die lassen sich nicht schnell genug regeln. Alleine die Wasser- und Gaskraftwerke können adhoc liefern. Daher ist es aus rein produktionstechnischen Gründen immer wieder so, dass auch Gaskraftwerke zur Erfüllung der Auktionen notwendig werden. Merit-Order legt nun gesetzlich fest, dass egal zu welchen Preisen die einzelnen Produzenten geboten haben, alle den Preis des teuersten noch erforderlichen Gebots erhalten. Das sind derzeit sehr oft die Gaskraftwerke und das bedeutet kausal die Verknüpfung von Gaspreis und Strompreis.

 

Wie – vorsichtig formuliert – wenig sinnvoll dieser Preiseffekt ist, erkennt man ja an dem vergleichsweise kleinen Band der Gaskraft an der Gesamtproduktion, welches trotzdem den Preis diktiert. Und das ja nicht um ein paar Cent, sondern um Faktor 10 und mehr. Dieses kleine rosa Band verteuert unverändert unsere Strompreise um das Zehnfache. Aber das ist alles marktgerecht – oder?

 

Dieser kausale Zusammenhang ist grundsätzlich klar, aber dennoch nur eine Annäherung an das tatsächliche Geschehen. Die Produktion zeigt nämlich den gesamten Stromsektor, an der Börse wird davon nur ca. ein Drittel gehandelt, das ist bei den beiden Charts zu beachten. Die Börse ist trotzdem mittelfristig der Preissetzer für alles. Warum hier immer wieder die Gaskraftwerke aus den Auktionen und damit der Preisbildung verdrängt werden, ist klar: Sobald die Erneuerbaren Überschüsse erzeugen, können Sie phasenweise sogar fast alle Kraftwerke ersetzen. Die laufenden Kapazitäten, ggf. bis zur Grundlast genügen dann. Gaskraftwerke fallen aus den Auktionen raus und der Preis geht bis auf Null runter.

 

Warum es aber so oft doch dazu kommt, dass nur die Gaskraftwerke die letzten KWh liefern können, ist grundsätzlich durch deren alleinige Elastizität erklärbar, aber möglicherweise auch nicht immer. Dazu sind diese Auktionen und deren Anreize zu intransparent. Man muss an der Stelle auch erkennen, dass die Betreiber von Kraftwerken ja typischerweise mehrerer dieser Erzeugungsformen im Portfolio haben. Vielleicht könnte der eine oder andere auch seine Kohlekraftwerke auf Vorrat etwas höher planen und betreiben, um den Einsatz von Gaskraftwerken stärker zu reduzieren, aber warum sollte er das tun? Es ist doch ein glänzendes Geschäft jenseits der Gaskraft, wenn man es darauf ankommen lässt, dass immer wieder eines davon kurzfristig einspringen muss, um unser Netz stabil zu halten?

 

Das ist reine Spekulation, ich will hier keinesfalls eine Verschwörungstheorie über Marktmissbrauch und Preismanipulation beginnen. Aber hier von einem gut designten „Markt“ zu sprechen, der keine Fehlanreize erzeugt und eine effiziente Lösung in einer Angebotsknappheit (die es gar nicht gibt!) liefert, darf man nicht mal so einfach in Studien annehmen. Eine etwas kritischere und gewiss spezifischere Analyse wäre schon angemessen. Was man aber übrigens ausschließen darf: Gerade die Grundlastkraftwerke haben erkennbar überhaupt keinen Einfluss auf die Preisbildung. Ich halte diese Studien diesbezüglich für schlicht falsch!

Damit komme ich abschließend zu einer kommentierenden Wertung des Wirkens dieser Ökonomen und dem eingangs thematisierten Spannungsbogen aus Wissenschaft, Politik, Medien und Öffentlichkeit. Das ist nun ganz offen meine persönliche Meinung, nichts wissenschaftliches und auch nichts durch Fakten irgendwie begründbares. Als in der Lehre in diesem Bereich tätiger finde ich die Ökonomie in Deutschland ausgesprochen rückständig und schwach. Die verwendeten makroökonomischen Modelle sind simpel, alt und überholt. Die mikroökonomischen Methoden sind es ebenso. Das gilt vor allem für die besonders prominenten Posten und deren Inhaber. Ich trete hiermit den vielen Kolleginnen und Kollegen auf die Füße, die – wie ich selbst – in ihrer Tätigkeit primär die Ökonomen aus UK, den USA und auch der Schweiz (Verhaltensökonomie) nutzen. Aber die führenden Lehrstühle in Deutschland tun das nicht und die bestimmen leider, was in Medien und Politikberatung passiert.

 

Ich sehe auch keine ausreichende Trennung zwischen dieser sogenannten Spitzenökonomie und der Politik sowie der Wirtschaft. Welche Agenda Grimm betreibt, kann ich nicht einschätzen, aber dass sie eine betreibt und dass es keine rein wissenschaftliche ist, kann man kaum übersehen. Der Ifo-Präsident Fuest zitiert (Chart14) regelmäßig unseren Finanzminister und das sind persönliche Empfehlungen von ihm, die mit Wissenschaftlichkeit gar nichts zu tun haben. Er sollte auch genug Einblick in den Strommarkt haben, um zu wissen, dass die von ihm ebenfalls dauernd propagierte Preissenkung durch mehr Kernkraftangebot falsch ist. Der oben zitierte Lion Hirth ist hauptberuflich Berater für die großen Energieunternehmen, das erklärt seine Agenda ausreichend.

 

 

Diese Kombination aus Unwissenschaftlichkeit und wie auch immer gearteter persönlicher Agenda ist in dieser Energiepreiskrise, die auf europäischer Ebene eine Stromversorgungs- und in Deutschland eine Gasversorgungskrise werden könnte, alles andere als demokratiestärkend. Denn nicht zuletzt auch diese Ökonomen haben die Gasumlage schlecht geredet, die eine Angleichung der Gaspreise für alle Verbraucher zum Ziel hatte und daher von der Industrie als Hauptlast zu tragen gewesen wäre. Zugleich wird nun aber die Gaspreisbremse kommen, die alle ganz wunderbar finden, von der Grimm aber bereits (zurecht!) sagt, dass sie nur einen gewissen Grundbedarf preislich abfedern wird. Das sieht nun nach einer begrenzten steuerfinanzierten Subvention für die Privathaushalte aus, während die Frage der Industriepreise plötzlich vom Radar verschwunden ist.

 

Sollen gar deren teilweise absurd günstigen Altverträge weiter gestützt werden, während der Privatsektor drei- und vierfache Preise zahlen soll, die nur im Grundbedarf abgefedert werden?

 

Auch das weiß ich nicht, das Programm soll ab morgen vorgelegt werden. Ich kann leider nur jedem empfehlen, bei öffentlichen Aussagen von Spitzenökonomen besonders skeptisch zu sein und hier keine Helfer zu vermuten, die große Taten für die Allgemeinheit leisten. Es mag übrigens unvermeidlich sein, die Industrie einseitig zu stützen, das muss ich als Ökonom einräumen – aber ich werde es genau so auch schreiben, wenn ich es wahrnehme.

 

Wir müssen als Demokratie zu besseren Entscheidungen kommen. Dazu bedarf es der Trennung von Wissen und Meinung. Politische Entscheidungen müssen transparent erfolgen und das vorhandene Wissen nutzen. Leider wird gerade in der Ökonomie kein ausreichendes Wissen geschaffen, das trotzdem vorhandene wird nicht vertreten und die tatsächlichen politischen Entscheidungen sind maximal intransparent.

 

Das ist viel schlimmer als bei allem, was ich in der Corona-Krise zu kommentieren hatte!

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