RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Iran

Potrait von Olivia Aloisi
Potrait von Olivia Aloisi

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                        Potrait von Olivia Aloisi 

 

«Tod dem Diktator!», «Frauen, Leben, Freiheit!» dies sind die Parolen, die wir zur Zeit von den demonstrierenden Frauen im Iran hören, sehen und lesen.

 

Der Ursprung der aktuellen Proteste liegt im Tod der 22-jährigen Mahsa «Zhina» Amini am 13. September. In Gewahrsam der Moralpolizei wird sie mutmasslich zu Tode geprügelt, nachdem sie den vorgeschriebenen Hidschab, die im Iran für Frauen geltende Kopfbedeckung, nicht ordnungsgemäss getragen hatte.

 

Die Beerdigung in ihrer Heimatstadt Saqqez, in der Provinz Kurdistan, wird zum Akt des Aufstandes gegen die Unterdrückung der Frauen durch das klerikale Regime. Und von dort springt der Funke auf das ganze Land über. Der fortan verwendete Slogan «Frauen, Leben, Freiheit!» stammt aus der kurdischen Freiheitsbewegung und ist das Motto der YPJ, der Frauenverteidigungseinheiten der kurdischen Milizen im Nordosten Syriens.

 

Aminis Tod löst eine landesweite Welle an Protesten aus, bei denen hauptsächlich Frauen für ihre Selbstbestimmung und Freiheitsrechte kämpfen. Dabei erreichen die Demonstrationen innert kürzester Zeit den Alltag der Leute.

 

Vor allem aus Lehranstalten – und beileibe nicht nur aus Universitäten, sondern auch aus Mittel- und Grundschulen – sehen wir zahlreiche Videos aufgebrachter Schüler*innen und Student*innen.

Aber nicht nur die Frauen gehen auf die Strasse, die Männer solidarisieren sich mit ihnen. Zu lange währen die sozialen und wirtschaftlichen Missstände. Zu lange schon lähmen die Korruption und der blinde Fanatismus der herrschenden Mullahs die Gesellschaft des Landes. Durch Social Media können wir eine Zeit lang alles mitverfolgen – bis im Iran das Internet blockiert wird.

 

Nach Angaben von Amnesty International fordert die um sich greifende Empörung weitere Todesopfer. Bis anhin müssen wir von über 130 getöteten Demonstrant*innen ausgehen. Vor allem junge Frauen, zum guten Teil noch im Teenager Alter.

 

Eine brutale Polizeigewalt greift um sich. Immer mehr Festnahmen sind zu verzeichnen. Nicht nur von Menschen, die aktiv auf der Strasse sind, sondern auch von Leuten, die sich kritisch im Netz äussern. Dies betrifft Frauenrechtsaktivistinnen, Künstler*innen, Filmemacher*innen und viele weitere mehr. Vor zwei Wochen sprach das Regime von 1200 Festnahmen. Wie viele es aktuell sind, weiss niemand. Und was mit ihnen geschehen wird, das weiss man ebenfalls nicht. Der Bürgermeister von Teheran spricht von Sondergerichten, die eingerichtet werden sollen. Man werde sie wie Schwerverbrecher, wie Vergewaltiger behandeln... Es drohen massive Strafen. Die Bewohner*innen des Landes sollen rigoros eingeschüchtert werden!

 

Und trotzdem halten die Kundgebungen an. Und trotzdem wagen die Menschen weiterhin, tagtäglich gegen das Regime aufzubegehren. Den Mut, den schieren Todesmut, den es hierfür benötigt, sollten wir alle unterstützen.

 

Darum habe ich beschlossen, eine Kolumnen Serie über den Iran zu verfassen und die jüngere Geschichte des Landes politisch und wirtschaftlich auszuleuchten. So, dass wir alle eine Grundlage haben, um die Dinge die da vor sich gehen, auch richtig einordnen zu können.

 

Um den persischen Zeitenlauf zu verstehen, kommen wir nicht umhin, uns drei ganz grundlegende Dinge vor Augen zu halten:

 

1) Der Iran ist eines der wenigen Länder, in denen die Schiiten eine Bevölkerungsmehrheit stellen. Zusammen mit dem Irak, Aserbaidschan und Bahrain. Wobei in Bahrain seit Jahrzehnten eine sunnitische Minderheit die Regierung bildet. Und dies im Irak, bis zum Tode Saddam Husseins, lange ebenfalls der Fall war.

 

Die zweitgrößte islamische Glaubensgemeinschaft steht in einem oftmals schwierigen Verhältnis zu der von der Mehrheit der Muslimen vertretenen Glaubensrichtung. Von den 1,6 Milliarden Muslimen sind schätzungsweise 85 bis 90 Prozent Sunniten.

 

Man muss sich nur die schier unglaubliche Anzahl von Überfällen, Liquidationen und Terroranschlägen gegen die Schiiten in Erinnerung rufen, die der ultrafundamentalistische, sunnitische IS zwischen 2011 und 2019 hauptsächlich im Irak, in Syrien aber auch in anderen Ländern des Nahen Ostens durchführte, oder den aktuellen Krieg in Jemen gegen die schiitischen Huthi, der von Saudi-Arabien ausgeht, um zu wissen, dass die beiden Religionsgruppen sich häufig als erbitterte Feinde gegenüberstehen.

Dies hat natürlich auch mit dem Kampf um die Vormachtstellung im Nahen Osten zu tun. Der Iran verfügt über die grösste Armee der Region. Und seinen Einfluss macht er nicht nur in Libanon, Syrien und Jemen geltend, sondern z.B. auch im Gaza- Streifen, wo er die Hamas mit Geldzahlungen und den Islamischen Dschihad auch noch mit Waffenlieferungen unterstützt.

 

Die Logik des Nahen Ostens führte dazu, dass sich die Iraner aus Furcht vor ihren Nachbarn ein starkes Staatsgebilde erschufen. Gleichzeitig bedroht der Iran mit seinen Aktivitäten Israel, was dazu beiträgt, dass sich dieses laufend militarisiert.

 

2) 1953 stürzten CIA und MI6 (der britische Geheimdienst) die demokratisch gewählte iranische Regierung unter Mohammad Mossadegh. Die Operation Ajax genannte Aktion hatte zum Ziel, das kurz zuvor verstaatlichte Ölgeschäft in den Besitz Englischer und Amerikanischer Betreiberfirmen zu bringen.

Dieser Militärputsch brachte den Schah zurück auf seinen Thron. Der Schah von Persien, Mohammed Reza Pahlevi, stieg in der Folge zum Militär-Monarchen auf und modernisierte den Agrarstaat. Innert weniger Jahre wurde der Iran zum weltweit zweitgrössten Ölexporteur, zur Militärmacht im Nahen Osten und strategischen Partner der USA. Nur, gar manche seiner Reformen scheiterten kläglich und Mohammed Reza schaffte sich viele Feinde, die er mittels seiner Geheimpolizei in Schach hielt. Kurz und gut: Sowohl der Schah als auch die USA waren in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in weiten Teilen der Bevölkerung verhasst.

 

3) Heutzutage verfügt der Iran über eine sehr junge und sehr gut ausgebildete Population. Fast 60% der Einwohner*innen des Landes sind unter 30 Jahre alt, der Alphabetisierungsgrad beträgt über 90% und 4-5 Millionen Iraner*innen besuchen jährlich eine Universität. Dies ist für die Weltregion, in der sich das Land befindet, ganz und gar erstaunlich und widerspricht den allgemeinen Erwartungen, die man im Westen so eigentlich vom Mullah Regime hat.

 

Aber der Reihe nach... Und zwar nicht diese, sondern ab nächster Woche.

Ich hoffe, ich habe Eure Neugierde geweckt. 

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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Kommentare: 1
  • #1

    fritze (Samstag, 08 Oktober 2022 22:12)

    sehr gut recherchierter artikel welche die dinge beim namen nennt, um u.a. zu verstehen was da im nahen osten seit dekaden abgeht....!