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Long Covid – der blinde Fleck der Politik, Ärzteschaft und Gesellschaft

Long Covid Betroffene werden in vielerlei Hinsicht im Stich gelassen
Long Covid Betroffene werden in vielerlei Hinsicht im Stich gelassen

DMZ – MEDIZIN ¦ Dr. med. Maja Strasser  ¦                 

KOMMENTAR

 

Stellen Sie sich vor, Sie hätten übelste Schmerzen aufgrund einer Krebserkrankung. Die starken Schmerzmittel wirken ungenügend, aber Sie haben gehört, dass Cannabis-Präparate bei dieser Indikation sehr wirksam sind. Ihr Arzt wimmelt sie ab und verweist darauf, wie gefährlich Cannabis sei.

 

Dieses Szenario ist nicht unwahrscheinlich, insbesondere wenn Ihr Arzt politisch konservativ ist. Eigentlich sollten Diagnostik und Therapie auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, aber die politische Einstellung der Ärzte spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle.

 

Vermutlich sind die Überzeugungen der Ärzteschaft auch ein Faktor in der Verdrängung und mangelnden Anerkennung von Long Covid in der Schweiz. COVID-19 wurde von Anfang an als eine Infektion dargestellt, die hauptsächlich für Alte und Kranke gefährlich sei, so dass sich die jungen Gesunden nur aus Rücksicht auf Risikogruppen schützen sollten.

 

Bereits im Frühsommer 2020 stiess ich auf eindrückliche Berichte über Long Covid. Ein wichtiger Artikel erschien im Juni 2020 im “Atlantic”, in dem der Wissenschaftsjournalist Ed Yong darlegte, dass COVID-19 über Monate anhalten und ein breites Spektrum an Symptomen auslösen kann. Die Häufigkeit wurde im Jahr 2020 zwischen 10% und 20% geschätzt – eine bemerkenswerte gute Einschätzung, die auch heute noch Bestand hat.

 

Viren sind anerkannte Auslöser für Postvirale Erschöpfungssyndrome. So hatten fast zwei Drittel der Betroffenen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Erschöpfungssyndrom einen viralen Infekt zu Beginn der Erkrankung. Und auch nach SARS (2002 bis 2004, ausgelöst durch einen ganz ähnlichen Virus wie die jetzige Pandemie) wurden Langzeitfolgen oft beobachtet.

 

Die WHO und alle relevanten medizinischen Organisationen und Fachzeitschriften anerkennen Long Covid mit all den schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen, und die Gesellschaft.

Financial Times bezeichnete Long Covid als “invisible public health crisis”, die deutsche Ärztin Jördis Frommhold spricht von einer „neuen Volkskrankheit“.

 

Leider ist diese Erkenntnis bei einem beträchtlichen Teil der Ärzteschaft noch nicht angekommen. Immer wieder versichern mir Hausärzt:innen treuherzig, dass Long Covid ganz selten sei, sie hätten praktisch keine betroffenen Patienten. Auf die Idee, dass sie vielleicht einen blinden Fleck haben, dass ihre Beobachtung mehr über ihre diagnostischen Fähigkeiten als über die Häufigkeit von Long Covid aussagt, kommen die wenigsten.

 

Die Long Covid Patient:innen, die ich bisher gesehen habe, lassen sich in drei Gruppen aufteilen:

  • Die leicht Betroffenen, Zuweisungsgrund sind andere Beschwerden
  • Die schwer Betroffenen, die meist erst nach monatelangem Leiden wegen „unklarer Schwäche und Anstrengungsintoleranz“ zugewiesen werden
  • Eine kleine Minderheit, welche bereits mit der Verdachtsdiagnose Long Covid kommt.

Die meisten haben schon erlebt, dass eine psychosomatische Ursache vermutet und ihnen geraten wurde, härter zu trainieren und die Belastbarkeit durch regelmässiges Überschreiten der Belastungsgrenze aufzubauen (kontraindiziert bei Long Covid!). Fast alle sagen übereinstimmend, sie wurden bisher nicht ernst genommen.

 

Insbesondere nach einem leichten Verlauf, wenn COVID-19 ambulant behandelt wurde, sind diagnostische Standardmethoden fast immer unauffällig (zum Beispiel Röntgen und CT der Lunge oder Testung der Lungenfunktion bei Atembeschwerden). Eine kleine britische Pilotstudie konnte jedoch mit einem ganz neuartigen Verfahren (hyperpolarisiertes Xenon-MRI) einen gestörten Gasaustausch in der Lunge nachweisen. Unsere diagnostischen Standardmethoden können gewisse Störungen nicht nachweisen, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass diese psychosomatisch sind!

 

Ich befürchte, dass die Long Covid Betroffenen in vielerlei Hinsicht im Stich gelassen werden: zuerst durch die Politik mit der populistischen, unmenschlichen und unwissenschaftlichen Durchseuchung und den mangelhaften Anstrengungen hinsichtlich Finanzierung der Long Covid Forschung und eines entsprechenden Registers, dann durch einen Teil der Ärzteschaft und die Gesellschaft, und schliesslich durch die Sozialversicherungen.

 

Es wäre ein dringendes moralisches Gebot, den Menschen mit Long Covid endlich alle nötige Aufmerksamkeit hinsichtlich Diagnostik, Therapie und Unterstützung zukommen zu lassen, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und ohne politische Scheuklappen!

 

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