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Besteht wirklich die Gefahr eines Atomkriegs?

DMZ –  POLITIK / MM ¦ Sarah Koller ¦                                 

KOMMENTAR

 

Wie kann es sein, dass ein Mensch, mit dem Gewissen der Auswirkung zweier Weltkriege, im 21. Jahrhundert für so viel Leid und Unheil verantwortlich ist. Und dann sind die aktuellen Bilder, die man von Putin im Fernsehen sieht. Sein Gesicht ist seltsam aufgedunsen, die Augen gedrungen klein und verdreht, die ganze Körperhalten instabil und unruhig. Seit 2015 wurde gemunkelt, dass Putin sehr krank sei.

Und - Müssen jetzt alle gleich denken, meinen, fühlen? Krieg hat eine kollektivierende Wirkung, im Guten wie im Schlechten. Wunderbar das Ausmass an Anteilnahme; so kann Solidarität aussehen, wenn sie nicht beeinträchtigt wird durch Spaltungen und rassistische Vorbehalte, wenn sie europäischen Menschen gilt.

Die russische Invasion der Ukraine dominiert die Berichterstattung in aller Welt, die Pandemie scheint vergessen, offenbar zur grossen Freude diverser Politiker, Verschwörungsgläubigen und Medien. Eine weitere negative Feststellung ist, dass eine erstaunliche Zahl von Reportern, Analysten und anderweitigen Beobachtern des Krieges bei der Berichterstattung offenkundigen Rassismus demonstriert. Da war teilweise Ähnliches zu lesen, wie z.B. dass die Ukraine nicht mit dem Irak oder Afghanistan vergleichbar sei, weil es sich um ein „europäisches“ und „zivilisiertes“ Land handle. Hier eine hervorragende Analyse dazu.

 

Putins Umgang mit dem Krieg in der Ukraine, den er einerseits angezettelt hat, andererseits aber nicht wahrhaben will deutet auf „Cäsarenwahn“, sagen Beobachter. Das Wort Krieg zu benutzen hat Putin seinen Staatsmedien ohnehin verboten. Das „begrenzte Eingreifen“, von dem nun die Rede ist, betrachtete er als Kinderspiel. Folgte man Putin, so wartete Kiew, „die Mutter aller russischen Städte“, nur darauf, endlich von der Regierung Selenskyj befreit zu werden, einer „Bande von Drogensüchtigen und Neonazis“.

 

Propaganda auf beiden Seiten

So schickte Moskau anfangs auch ahnungslose junge Männer an die Front, die nur mittelmässig ausgerüstet waren. Eine vierstellige Zahl von ihnen bezahlte inzwischen mit ihrem Leben dafür, dass ihr oberster Befehlshaber den Gegner unterschätzt und seine eigene Propaganda glaubt.

Aber auch die Gegenseite setzt gekonnt Propaganda ein. Egal von welcher Seite, Propaganda ist und bleibt Propaganda und ist immer mit grösster Vorsicht zu bewerten.

 

Der Geisteszustand Wladimir Putins, jahrelang ein Tabuthema, dominiert inzwischen die Debatten in den Lagezentren des Westens. In Russland kursieren während der Pandemie zahlreiche Gerüchte über Wladimir Putin, immer wieder drehen sich diese um die Gesundheit von Putin. Hier wäre es spätestens an der Zeit gewesen, dass Russlands Regierung etwas unternimmt. Putin war zwischenzeitlich sogar von der Bildfläche verschwunden. Das nährte die Spekulationen um seinen Gesundheitszustand – Seit Jahren gab es immer wieder Gerüchte über seinen Gesundheitszustand, über einen vermeintlichen Schlaganfall, den Putin aber nicht in einer Klinik behandeln lasse u.a..

 

Leidet der russische Präsident an Long-COVID-Spätfolgen ist eine Meldung, die auf den ersten Blick „absurd“ klingt. Wie die britische „Express“ berichtet, kursieren Gerüchte darüber, dass das Kriegsgebaren Wladimir Putins möglicherweise eine Folge von Long COVID sein könnte.

 

„Ich mache mir Sorgen um seine intellektuelle Schärfe und sein emotionales Gleichgewicht.“

James Clapper, oberster Direktor aller US-Geheimdienste in der Ära Barack Obama

 

Untersuchungen zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie hätten ergeben, dass eine kleine Anzahl von Personen, die positiv auf COVID-19 getestet wurden, plötzliche Verhaltensänderungen einschliesslich Delirium, Verwirrung und Unruhe erlebten. Die Veränderungen seien durch übermässiges Selbstbewusstsein, Leichtsinn und Verachtung für andere gekennzeichnet, so heisst es. Alles Attribute, die auf Wladimir Putin von aussen betrachtet zutreffen. Und klar ist auch, dass Long COVID die geistige Gesundheit beeinträchtigen kann. Es ist jedoch nicht bekannt, ob sich Wladimir Putin überhaupt je mit dem Coronavirus infiziert hat.

 

„Ich wünschte, ich könnte darüber mehr sagen. Fürs Erste nur so viel: Mit Putin stimmt etwas nicht.“

Senator Marco Rubio aus Florida

 

Auf der Suche nach der Ursache für Putins irrsinnig erscheinendes Verhalten gibt es noch weitere Theorien, die interessant sind. So stellte Professor Ian Robertson, Neuropsychologe am Trinity College Dublin, die gewagte Ferndiagnose, dass Wladimir Putin auch am sogenannten Hybris-Syndrom leiden könnte. Das Hybris-Syndrom bezeichnet eine Persönlichkeitsveränderung bei Menschen, die sich in einer Machtposition befinden. Das Syndrom äussert sich ebenfalls durch übermässiges Selbstvertrauen und Verachtung für andere. „Sobald das Hybris-Syndrom im Gehirn Einzug gehalten hat, sind das Persönliche und das Nationale identisch, weil der Anführer die Nation und ihr Schicksal ist“, erklärte Professor Robertson seine Ferndiagnose gegenüber den Medien.

 

Dass etwas nicht stimmt, ist auch ohne Diagnose klar. Wer einen solchen Krieg lostritt ohne Rücksicht auf Verluste ist krank, aber nie eine Rechtfertigung für solches Tun. Offenbar ist in Russland niemand mehr in der Lage Putin zu erreichen und zur Vernunft zu bringen. Zudem bringt auch eine Diagnose für Betroffene auf beiden Seiten keinen Trost.

 

Das Problem ist: Man erreicht den russischen Präsidenten offenbar gar nicht mehr

Auch nicht, wenn man mit ihm spricht. Putin ist inzwischen nur noch umgeben von Leuten, die ihn nicht mehr kritisieren. Und fest steht auch. Nie war Putin so isoliert wie heute. Es ist eine selbst gewählte Einsamkeit. Systematisch hat Russlands Staatschef immer mehr Macht in seinen eigenen Händen konzentriert. Wie die Geschichte zeigt, gehen in einem solchen Umfeld politische Führer höhere Risiken ein. Personalistische Diktaturen beginnen am ehesten Konflikte mit anderen Staaten und geben am seltensten nach.

 

„Ich beobachte und höre Putin seit über 30 Jahren. Er hat sich verändert.“

Michael McFaul, einst US-Botschafter in Moskau

 

Ganz am Anfang seiner Ära trat Putin noch ganz anders auf, viel kooperativer. Da zeigte er sich dem Rest der Welt gegenüber gesprächsbereit und gab dem Thema Wirtschaft viel Gewicht. Er brillierte gar mit seiner Rhetorik.

 

Eine lange Liste von Seltsamkeiten

Westliche Beobachterinnen und Beobachter haben eine lange Liste von Seltsamkeiten zusammengetragen. Sie beginnt mit Äusserlichkeiten: Putin bewege sich langsamer, sein Gesicht wirke aufgedunsen, sein Blick sei glasig. Weiter geht es mit Auffälligkeiten im Gesprächsverhalten. Finnlands Präsident Sauli Niinistö etwa, über viele Jahre hinweg ein Putin-Versteher, berichtet von einer verstörenden Szene bei einem Telefongespräch: Plötzlich habe Putin umgeschaltet in einen völlig anderen, scharfen Ton und ihm Forderungen vorgetragen, die Finnland jetzt unbedingt erfüllen müsse. Niinistö ist sich aber nicht ganz sicher, ob Putin verrückt ist oder nur so tut: „Vielleicht will er nur Konfusion erzeugen.“

Schon seit mehr als 20 Jahren sitzt der heute 69-Jährige Putin an den Schalthebeln in Moskau. Er herrscht mit absoluter Macht und trifft schon seit Langem niemanden mehr, der ihm widerspricht. In solchen Konstellationen droht auch anfangs Gesunden ein fortschreitender Realitätsverlust. Fachleute sprechen von Cäsarenwahn.

 

Bei der Nato in Brüssel registrieren Spezialistinnen und Spezialisten alles, was Putin sagt – und analysieren Satz für Satz die Bedeutung, ähnlich wie es Profiler beim FBI tun. Allem noch einen Sinn zu geben werde aber immer schwerer. Zunehmend „inkohärent“ seien Putins Darlegungen, „unlogisch“ und „bedrohlich“. Gesichtswahrend für Putin geht es nicht mehr. Seit die Wirtschaftssanktionen des Westens gegriffen haben, würde jedes Einlenken nach Schwäche aussehen, nach Kapitulation, das passt nicht zu einem Mann, der in dem Zaren Alexander III. sein historisches Vorbild gefunden hat.

 

Hinzu kommt: Putin will gar nicht raus, im Gegenteil, er fühlt sich ja ganz wohl. Lässig lehnt er sich in seinem Sessel zurück und verkündet der Welt mit teilnahmsloser Säuernis eine erhöhte Alarmbereitschaft seiner Atomstreitmacht.

Wieso sollte Putin jetzt ausgerechnet beim Thema Atomwaffen urplötzlich erfüllt sein von Rationalität? In Wahrheit stützt sich seine ganze Macht und Grösse auf seine Atomwaffen – und auf nichts anderes. Er selbst hatte, in einer im Jahr 2014 verkündeten Doktrin, bereits die Nutzung von Atombomben in Kriegen, die ansonsten verloren zu gehen drohen, als vernünftige Option beschrieben.  

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