
DMZ – LEBEN ¦ Julia-Mareen Vetter ¦
GASTKOMMENTAR
Ich dachte ich habe alles Leid gesehen, kenne alle Komplikationen, die Verläufe, das einsame Versterben eines Covid Patienten.
Letzten Winter waren viele multimorbide Patienten noch nicht geimpft.
Viele standen knapp vor Erreichen oder weit über dem Rentenalter liegend.
Es gab wenige Patienten ohne Vorerkrankungen.
Unsere Intensivstation war komplett belegt ausschließlich mit Covid Patienten.
Das Leid der Patienten und deren Angehörigen, die nur bei Eintritt des Todes(!) zu Besuch kommen durften, war unendlich groß, immer präsent.
Bei der Übergabe habe ich oft geweint, wusste nicht, wie ich den Dienst überstehen sollte.
Das Leid war unendlich groß.
Die vierte Welle nun.
Ich betreue einen 21-jährigen Mann, der an Covid erkrankt ist, intubiert, beatmet, nicht geimpft.
Ich unterstütze die Kollegen im Nachbarzimmer beim Lagern eines 38-jährigen Mannes, Covid Pneumonie, nicht geimpft, intubiert, beatmet und an der ECMO.
Zwei Tage später reanimieren wir während der Intubation einen 33-jährigen, Covid Pneumonie, nicht geimpft.
Vermeintlich alle ohne Vorerkrankungen und jung hat jeder von ihnen entschieden, sich nicht impfen zu lassen.
Sie alle sind bereitwillig das Risiko eingegangen, sich zu infizieren und schlimmstenfalls daran zu versterben.
Ich stehe vor diesen Betten.
Schaue immer wieder in die Gesichter der Patienten und denke mir - würden sie mit Impfung einen ähnlich lebensbedrohlichen Verlauf haben?
Die Möglichkeit zu haben, seine eigene Gesundheit und die seines Umfeldes schützen zu können, diese Option aber bewusst abzulehnen…
Ich schaue in die Gesichter der Patienten.
Stelle mir vor, wie deren Leben vor der Infektion aussah und weiß dabei bereits, dass es niemals wieder so werden wird.
Sofern der Patient diesen schweren Verlauf überlebt.
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