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Meine neue Heimat Tessin

DMZ – LEBEN ¦ Liselotte Hofer ¦      

KOMMENTAR 

 

Wenn ich im Kanton Zürich auf Besuch bin, sagen meine Verwandten immer: "Du bist ja gar nicht braun, wohnst du wirklich im Tessin?"

Ja, ich wohne wirklich im schönen Südkanton. Schon ein paar Jahre jetzt.

Meine Hautfarbe ist halt die einer nordischen Nebel-Pflanze , welche nicht auf die südliche Sonne eingestellt ist.

Was war mein Plan, als ich in den Süden zog?

 

Hatte ich einen Plan?

Ich zog an einem kalten Wintertag los..... und war nach 2 3\4 Stunden in wärmeren Gefilden.

An den ersten Tagen ging es vor allem um die vielen Kartons, die in der Wohnung standen.

Und es brauchte Überwindung, nach draussen in die unbekannte Umgebung zu gehen.

Immer wenn ich Gesprächsfetzen hörte, war ich irritiert...., weil es eine ganz andere Sprache war.

Ich fühlte mich ausgeschlossen und fremd.

 

In den ersten Wochen habe ich mich manchmal gefragt, ob ich am richtigen Platz bin...

Damals hatte ich schon noch etwas Heimweh.

Aber dann ging ich regelmässig mit meinem Hund spazieren. Ich wurde ziemlich oft angesprochen und in ein Gespräch über den Hund verwickelt.

Auf Italienisch natürlich!

 

Und so lernte ich quasi automatisch die ersten Brocken.

Einen Sprachkurs habe ich hier nie besucht. Ich begann, Tessiner Zeitungen zu lesen. Lesen ging am besten: Ich konnte meine lateinischen Vorkenntnisse anwenden.

 

Langsam fühlte ich mich zu Hause in meiner neuen Heimat. Ich genoss den Blick auf die hohen dunkelgrünen Gebirgszüge links und rechts von mir. Die Landschaft schimmerte in prallen Farben. Und mittendrin der tiefblaue Lago Maggiore!

 

Als Nächstes fand ich es eine gute Idee, in einem Deutschschweizer Verein mitzumachen. Doch ich merkte schnell, dass ich besser versuchen sollte, Einheimische kennenzulernen.

Im Verein wurde es nämlich vermieden, Italienisch zu sprechen. Die Deutschschweizer wollten unter sich in ihrer Bubble bleiben.

 

So merkte ich, dass ich überhaupt kein Vereinsmensch bin.

Zu dieser Zeit hatte ich dann eine kleine Operation im örtlichen Krankenhaus. Ich wurde quasi ins kalte Wasser geworfen.... und MUSSTE Italienisch reden! Mit Ärzten, Pflegepersonal und den anderen Patienten.

Das war eine gute Übung! Learning by doing! So war ich nun bereit mit den Einheimischen zu diskutieren.

Die Tessiner begrüssen es sehr, wenn ein Deutschschweizer sich Mühe gibt, ihre Sprache zu sprechen. 

Gerne erforsche ich auch die kulinarische Seite des Tessins.  Die Weine sind aussergewöhnlich fein, vor allem der Merlot. Dann gibt es die vielen verschiedenen Pasta Sorten. 

 

Der Kaffee ist hier viel stärker und leckerer. Die Tessiner trinken ihn schwarz.

In den Lebensmittelläden gibt es im Herbst eine grosse Auswahl an Pilzen zu kaufen. Auch Marroni Mehl und Tessiner Reis sind erhältlich.

 

Die Küche hat einen mediterranen Touch. Wie auch die Mentalität der Menschen.

Das Tessin war lange ein Teil des Herzogtums Mailand. Erst im 16. Jahrhundert ging es an die Eidgenossen über. Den Italienischen Einfluss spürt man natürlich immer noch.

 

Mir ist aufgefallen, dass recht viele Deutschschweizer wieder in den Norden zurückkehren. Mit einer Deutschschweizerin habe ich einmal darüber geredet. Ihre Mutter stammte sogar aus Locarno, aber sie selber war in der Ostschweiz aufgewachsen.

 

Das hatte sie so geprägt, dass sie immer Heimweh nach St. Gallen hatte. Sie konnte keine Wurzeln schlagen im Tessin. So kehrte sie wieder in die Ostschweiz zurück.

Ich glaube, mir ist es hingegen gelungen, die neue Mentalität teilweise anzunehmen.

Im März 2020 hatten wir dann eine sehr harte Zeit im Tessin: Der 1. Corona Patient der Schweiz war  ein Tessiner.  Die geographische Nähe zu Norditalien forderte ihren Preis. 

 

Auch ich musste mich schnell auf die neue Realität in der Pandemie einstellen. Gleich im März 2020 verstarb leider ein guter Bekannter am Corona Virus. Es war ein schwerer Schlag. Beerdigungen fanden damals nicht statt.

Das machte den Verlust noch schwerer.

 

In meiner Stadt Locarno befand sich das Corona-Zentrum des Tessins. Ein Spezial-Krankenhaus.

Mein Hausarzt erzählte mir, dass die Situation dort wie in einem Kriegsgebiet sei.

Heute 1 1\2 Jahre später, steht das Tessin im Vergleich zu anderen Kantonen besser da. Die Spitäler haben mehr Kapazität als anderswo. Der Kanton hat viel gelernt, und gemeinsam sind wir stark geworden! Aber ohne die vielen Pfleger und Ärzte aus Italien hätten wir das nicht geschafft. 

 

Es kann sein, dass ich für immer im Tessin bleibe... Aber vielleicht ziehe ich nach Zürich zurück, wenn mein Sohn einmal Familie hat. Und wenn ich eine  Nonna werde...


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