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Es ist was es ist – das Individuum als soziales Wesen im Spannungsfeld zwischen Beziehung, Gemeinschaft, Wirtschaft und Gesellschaft

(C) Victor Tongdee
(C) Victor Tongdee

DMZ –  WISSENSCHAFT ¦ Markus Golla ¦

 

Der verständige Mensch „Homo sapiens sapiens“ ist das Produkt von jahrtausendlanger Evolution und Entwicklung. Er lebt und agiert heute in einer hochkomplexen Lebens- und Arbeitswelt. Die Eigenschaften und Besonderheiten der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Zusammenlebens beschäftigen Psychologen, Psychotherapeuten, Anthropologen und Soziologen seit Jahrhunderten. Im Zuge der menschlichen Entstehungsgeschichte und der soziokulturellen Evolution entwickelte der Mensch sozialisations- und kulturabhängige Eigenschaften. Der aufrechte Gang, die kindliche Entwicklung, das Erlernen der Sprache und das Eingehen besonders komplexer sozialer Bindungen. Das Individuum entsteht durch den Menschen, mit dem Menschen und entwickelt sich mit Hilfe des Menschen zum sozialen Lebewesen. Neugeborene könnten ohne Versorgung nicht überleben und erleben die Welt in einem unreifen und hilflosen Zustand. Die ersten Lebensmonate sind bedeutsam für die Entwicklung der Persönlichkeit. Säuglinge sind daher besonders auf die Fürsorge der versorgenden Personen, insbesondere der Mutter, angewiesen. Sie können sich als Traglinge nicht selbstständig fortbewegen und verfügen über Neugeborenenreflexe, die überlebenswichtige Funktion haben (Biber, 2014, S. 14).

 

Das Selbsterleben und die psychosoziale Entwicklung

Die Säuglingsforschung gibt Einblicke in die psychische Entwicklung des Menschen. In den ersten Lebenswochen sind orale Reflexe gut erkennbar und werden zunehmend durch höhere Stimuli und bewusste Motorik ersetzt. Dies ist von der Reife, der Möglichkeiten und der Umgebung eines Kindes abhängig. Das Kind löst durch das Verhalten eine Reaktion in der Umgebung aus. Eltern lernen zu erkennen, wann das Kind Hunger hat und reagieren darauf. Die Nahrungsaufnahme ist dabei Teil der Kommunikation (Engel-Hoek van den, 2008, S. 54). Bereits in den ersten Monaten sind Emotionen wie Angst, Zorn, Freude, Ekel erkennbar. Dies zeigt sich an unterschiedlichen Stellen z.B. Augen, Mund sowie Augenbrauchen und ist kulturell unabhängig (Stern, 2009, S. 28). Die Mutter-Kind-Beziehung beeinflusst die sich entwickelnde Persönlichkeit. Unklar bleibt jedoch, welche  Ereignisse die aufkommenden sozialen Verhaltensweisen von Säuglingen kurz- oder langfristig beeinflussen (Stern, 1971, S. 501). Dornes greift Sterns Theorie der primären Intersubjektivität, die das Empfinden des Säuglings nicht direkt beobachten kann, sondern aus seinen Antworten auf Interaktionsangebote und Versuchsanordnungen schließt, auf und geht von einem kognitiv fähigen, aktiven, umweltbezogenen, kommunikativen und kompetenten Säugling aus (Dornes, 1993). Dabei wird Kompetenz nicht analog zu bestehenden Arten der Nestflüchter verstanden, die sich bereits nach der Geburt fortbewegen und Nahrung aufnehmen können, sondern als Fähigkeit eine funktionierende Beziehung zu primären Bezugspersonen aufzubauen (Dornes, 2018). Die ersten sechs Monate erlebt der Säugling als symbiotische Einheit mit der Mutter. Die Außenwelt wird nicht als jene wahrgenommen, sondern Reize von dieser, wie die Innenwelt verstanden z.B. Hunger, Ausscheidungen oder Niesen. Mit Beginn der Separation beginnt der Säugling die Individuation von der Mutter und die ersten Kennzeichen eines selbstständigen psychischen Ichs entstehen.

 

Melanie Klein bezeichnet die ersten drei bis vier Lebensmonate als paranoid-schizoide Position, in welcher der Säugling innere und äußere Quellen der Angst erlebt. Die Geburt wird als äußere Angstquelle erlebt und die Nähe zur Mutter stellt die erste Objektbeziehung dar (Klein, 1962, S. 187). Der Säugling kann dabei noch keine Ganzheiten bzw. Vollobjekte wahrnehmen und entwickelt durch oral-libidinöse sowie oral-destruktive Triebe eine Beziehung zur Mutterbrust. Die Wechselwirkung der liebevollen sowie aggressiven Triebe stellen eine Fusion von Lebens- und Todestrieb dar (Klein, 1962, S. 189). Wird der Wunsch nach der Muttermilch nicht rechtzeitig gestillt, weckt dies aggressive Triebe und verstärkt die orale Gier. Diese Spannungszustände werden als Verfolgungsangst erfahren. Der Säugling erlebt nun die „gute“ und die „böse“ Brust, die zur Befriedigung oder Versagung führt. Das Kind lernt dadurch gute oder schlechte Teilobjekte der Beziehungsrepräsentanz kennen sowie deren Idealisierung oder Entwertung. Durch das Überwiegen der Liebesimpulse gegenüber Aggression und Zerstörungswünschen sowie der sich entwickelnden Realitätsprüfung werden die gespaltenen inneren und äußeren Objekte schrittweise integriert (Dix, 2017, S. 416). Bleibt das Kernselbstempfinden eines Säuglings, also der Eindruck eines integrierten Empfindens seiner selbst als körperlichem Wesen, das vom Anderen getrennt ist, über Kohärenz verfügt, seine eigenen Handlungen und Affekte kontrolliert, ein Kontinuitätsempfinden besitzt und andere Personen als von ihm selbst als getrennte, eigenständige Interaktionspartner bemerkt bestehen, dann ist der Entwicklungsschritt „self versus other“ erreicht (Stern, 2007, S. 157). Mit sieben bis neun Monaten entwickelt der Säugling ein „subjektives Selbst“ und damit ein rudimentäres Verständnis von sich und anderen als Wesen mit geistigen Zuständen.

 

Dies erfolgt mittels intentionaler Abstimmung von Aufmerksamkeit, nonverbaler „Fragen“ nach einer Einschätzung von möglichen Gefahren und durch die Mitteilung von einfachen Wünschen. Der Säugling nimmt sich und andere als getrennte Wesen mit eigenen Gefühlen und Gedanken wahr (Stern, 2007, S. 198). Säuglinge lernen durch Invarianten der Beziehungsepisoden das veränderte Selbsterleben in Gemeinsamkeit mit der anderen Person. Diese Erfahrungen werden im Zusammenhang miteinander im episodischen Gedächtnis als „Repräsentationen generalisierter Interaktionen“ (RIG) gespeichert und beeinflussen die Selbstregulation und die Interaktion. Selbst wenn das Kind allein ist, kann es auf evozierte Individuen als sein Selbst regulierender Anderer mittels aktivierter Erinnerung auf repräsentative Stellvertreter zurückgreifen. Der Säugling verfügt bei einer gesunden Mutter-Kind Interaktion über ausreichend RIG und sozialen Charakter, welcher sich positiv auf die Bindung auswirkt. Das Kind besitzt nach Klein und Stern gute innere Begleiter, die einen Einfluss auf das Erleben haben und verhält sich auf die anderen „in sich“ (Dix, 2017, S. 423 f.).

 

Die Entwicklung von Geschlechtsidentität und Diagnose

Die biologische Geschlechtszugehörigkeit von Kindern ist bereits vor der Geburt ersichtlich. Die ersten Lebensjahre sind für die psychische und soziale Entwicklung der Identität bedeutsam. Kleinkinder können schon im ersten Lebensjahr Bewegungs- und Sprechmuster erkennen und zwischen Männern und Frauen differenzieren. Im Alter von zwei Jahren können Kinder Objekte anhand von Farben oder Formen in Geschlechterstereotypen kategorisieren. Mit Ende des dritten Lebensjahres können Kinder die eigene Person und andere Individuen in Geschlechter einteilen (Trautner, 2002). Durch die soziale Interaktion mit der Umwelt entwickelt das Kind eine Einschätzung des eigenen Geschlechts. Entwicklungspsychologisch erkennen Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren die eigene Geschlechtlichkeit, die Stabilität sowie die impliziten gesellschaftliche Normen an. Sie können Aktivitäten, Objekte, Farben, Kleidung, Eigenschaften und Spielbeschäftigungen dem jeweiligen Geschlecht zuordnen (Hannover, 2010, S. 29). Während Kinder der Vorschule Geschlechterrollen als Naturgesetze annehmen und vorwiegend in geschlechtshomogenen Kombinationen interagieren differenzieren sich kindliche Geschlechterkonzepte der Grundschule weiterhin. Die Geschlechtsidentität folgt in der Pubertät durch schulische, berufliche und private Interessen den geschlechtstypischen Rollenverteilungen (Trautner, 2002).

 

Die Geschlechtsidentität entwickelt sich durch die Auseinandersetzung mit altersentsprechend modifizierten sowie neuen Verhaltensweisen entlang geschlechtlicher Normen stetig weiter. In der Adoleszenz werden, durch Berufsrolle bzw. Berufsbild, Partnerschaft und einer möglichen Elternschaft, Adaptierungen der Geschlechtsidentität möglich. Die individuelle geschlechtliche Identität kann als bio-psycho-sozialer Prozess betrachtet werden, der zwischenmenschlich erlebt sowie kommuniziert wird und genetischbiologische, kulturelle, inter- und intrapsychische Elemente enthält (Schigl, 2018, S. 34). Die Kategorisierung als männlich oder weiblich wird nach anatomischen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Übereinkünften bei der Geburt festgelegt. Die Geschlechtsidentität ist Teil der persönlichen Identität und teilt sich in fünf Dimensionen. Dies umfasst das Selbst, als weiblich oder männlich zu identifizieren und von anderen Personen so erkannt zu werden. Zudem werden eine geschlechtsspezifische Typologie und die persönliche Zufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht in Verbindung gebracht. Zuletzt gilt es dem erlebten sozialen Druck, der Geschlechterrolle zu entsprechen (Egan & Perry, 2001). Geschlechterrollen bezeichnen die bewussten und unbewussten Erwartungen an das eigene und das Verhalten anderer, in Bezug auf das jeweilige Geschlecht. Die Geschlechtsidentität evolviert im Laufe der Entwicklung, ist flexibel und veränderlich sowie schicht-  und kulturspezifsch geprägt. Die Orientierung an Geschlechtspartnern wird als „choice of love object“ bezeichnet. Die Diskussion um die Entwicklung einer stabilen geschlechtlichen Identität und die Übernahme traditioneller Geschlechterrollen wandelte sich zunehmend in den letzten 30 Jahren. Das klassische Entwicklungsziel wird abgelöst durch das Verinnerlichen maskuliner und femininer Eigenschaften in einer Person (Trautner, 2002). Um 1900 wurde das „homosexuelle Selbst“ noch als zu behandelnde Krankheit erachtet. Psychiatrie und Psychologie sahen die Übergänge zwischen den Geschlechtern als subjektives Erleben dieser „Kranken“ und ihre therapeutische Aufgabe darin, diese zum Wohl der Gesellschaft therapeutisch zu beeinflussen (Walter, 2005). Auch bekannte psychoanalytische Literaten der sechziger, siebziger und achtziger Jahre wie etwa Ovesy, Socarides und Kernberg beschreiben die homosexuelle Orientierung noch als Pathologie, psychotische Erkrankung, Verhaltensanomalie oder als spezielles Beziehungsmuster aufgrund der Herkunftsfamilien.

 

Die Begriffe lesbische, schwule, bisexuelle oder heterosexuelle Orientierung beschreiben die Gesamtheit der inneren Bilder, des Selbstverständnisses und der in der sozialen Realität sichtbar werdenden Beziehungsmuster von Menschen (Rauchfleisch, 2011, S. 17). Die Kerngeschlechtsidentität, das primordiale, bewusste und unbewusste Erleben entwickelt sich ab der Geburt eines Kindes aufgrund eines komplexen Zusammenwirkens von biologischen und psychischen Einflüssen. Schwule und bisexuelle Männer sind in ihrer Kerngeschlechtsidentität ebenso männlich geprägt, wie heterosexuelle Männer und lesbische oder bisexuelle Frauen sind ebenso weiblich geprägt, wie heterosexuelle Frauen. Weder können der ödipale Konflikt, die Identifizierung des Kindes mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil, noch die „männliche“ oder „weibliche Identifizierung“ mit Stereotypen als Grundlage für die Entwicklung herangezogen werden. Schwule, lesbische oder bisexuelle Personen haben lediglich eine andere sexuelle Beziehung als ihre heterosexuellen Eltern (Rauchfleisch, 2011, S. 23). Das Gleichgewicht zwischen hetero- und homosexuellen Anteilen eines Menschen kann sich zeitlich, abhängig von den jeweiligen Lebenssituationen und sozialen Beziehungen, in die eine oder andere Richtung verschieben (Fiedler, 2004, S. 71).

 

1987 reagierte die Amerikanisch Psychiatrische Gesellschaft auf die Forschungs- und Methodenkritik der frühen Psychoanalyse und entfernte die Diagnose aus dem Diagnosesystem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ DSM-III-R. 1991 eliminierte die Weltgesundheitsorganisation „Homosexualität als Diagnose einer psychischen Störung“ in der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, ICD-10. Nach einer elfjährigen internationalen Entwicklung hat die WHO im Juni 2018 die ICD-11 vorgestellt, im Mai 2019 auf der 72. Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly, WHA72) verabschiedet und soll am 1. Januar 2022 in Kraft treten. In der neuen Fassung wurde Transsexualität ebenso von der Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen (Drescher, 2015). Dietrich Munz, Präsident der deutschen Bundespsychotherapeutenkammer, sprach aus Sicht der deutschen Psychotherapeutenschaft von einer bedrückenden Kategorisierung, die „homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen diskriminiert, stigmatisiert und Gewalt aussetzt“ (BPTK, 2019).

 

Fallvignette

Frau L. ist Mitte zwanzig, als DGKS tätig und lebt mit ihrer Lebensgefährtin im städtischen Umfeld. Geboren und aufgewachsen ist sie in ländlicher Umgebung. Ihre Eltern haben einen kleinen Tischlereibetrieb und eine Viehzucht. In der Kindheit hatten die Eltern wenig Zeit für Frau L., der Betrieb hatte Vorrang. Der Kontakt zum jüngeren Bruder gestaltete sich auch in jungen Jahren schwierig, da er als „Stammeshalter“ aufwuchs, den Betrieb übernehmen und für den Fortbestand der elterlichen Geschäfte sorgen wird. Frau L. verbrachte die Schulzeit gerne im Internat und verliebte sich in dieser Zeit in eine Frau. Die anfängliche Exploration der Gefühle erschien verwirrend und übermächtig. Frau L. konnte sich jedoch bei Beratungsstellen informieren und der Pädagogin Vorort anvertrauen.

 

Der jüngere Bruder fand Briefe sowie Nachrichten und outete Frau L nach einem Streit in seinem Stammlokal in seinem Freundeskreis. Die Information gelang zu den Eltern und war schwer zu verkraften. Die Scham vor dem „Gerede der Leute“ zu groß. Frau L. übersiedelte in eine Großstadt, absolvierte das Bachelorstudium und bekam eine Anstellung in einer Krankenanstalt. Ihre Vorgesetzte ist schon länger Führungskraft und wird als unterstützend und fair beschrieben. Frau L. wohnt mit ihrer Lebensgefährtin Frau K. und einem Mischlingshund in einer gemeinsamen Wohnung. Frau K. hat sehr verständnisvolle Eltern, die Frau L. warmherzig in den Familienkreis aufgenommen haben. Gemeinsam werden Ausflüge und Urlaube unternommen sowie Feste gefeiert. Frau L. erfährt kaum Unterstützung seitens ihrer Herkunftsfamilie, die traditionelle Werte, kulturelle und gesellschaftliche Normen vertritt. Sie fühlt sich verstoßen, ungeliebt und entfremdet von der eigenen Familie. Frau L. zeigt vermehrten Arbeitseinsatz, übernimmt zusätzliche Tag- und Nachtdienst und bietet ihrer Vorgesetzten zunehmend Unterstützung an. Nach geraumer Zeit zeigen sich erste Erschöpfungsmerkmale, gedrückte Stimmung, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, Schlafstörungen und verminderter Appetit. Die Antriebslosigkeit wirkt sich auf das Privatleben aus und so werden die gemeinsamen Unternehmungen, Ausflüge und Spaziergänge zunehmend als Belastung empfunden.

 

Erstes Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen

Die Klientin wirkt traurig und blass. Sie hat Augenringe, scheint sehr müde, ängstlich und zerbrechlich zu sein, dennoch hat sie klare Sätze und nach einem vereinbarten Folgetermin lächelt sie vorsichtig. Im Übertragungsgeschehen spüre ich erste Affekte wie Traurigkeit, Angst, Schwere, die Bitte um Hilfe, Unterstützung, Verständnis und Zuwendung. In der Gegenübertragung Mitleid und den Wunsch nach mütterlicher Anerkennung. In einer Gegenübertragungstrance und Reflexion nach der Einheit zeigt sich ein kleines frierendes Mädchen im Regen an die Hauswand gedrängt und es entsteht das Bedürfnis, dieses Kind in den Arm zu nehmen und zu versorgen entlang der Vorstellung „der Andere kann geben, was man selbst entbehrt“ (Miller, 2013, S. 47). Die Klientin sucht die Spiegelung und den „Glanz in den Augen der Mutter“, also die begleitende, stolze und freundliche Aufmerksamkeit der Mutter oder des Vaters für das Kind, welche dem Kind in den ersten Monaten widerfährt, ohne Forderungen zu stellen. Diese Empathie oder der Glanz im Auge der Mutter, wirkt als unentbehrliche Spiegelung haltend und wärmend für die seelische Entwicklung des Kindes. Dies bildet auch das kohärente Selbst bzw. Körperselbst, wenn die Mutter den innigen Kontakt des Kindes mit ihrem eigenen Körper nicht ertragen kann. Im Erwachsenenalter kann dies zu einer Überkompensation im sportlichen oder beruflichen Bereich führen. Die Entwicklung eines lebendigen Tiefenselbst, welches zum Organisationszentrum der Ich-Aktivitäten geworden ist, steht therapeutisch im Vordergrund. Der Patient fühlt sich wohlwollend angeblickt (Kohut, 1976, S. 141f.). Dies zeigt sich auch in Winnicotts Konzept der ausreichend guten Mutter, „good enough mother“, die auf die Bedürfnisse des Babys eingeht.

 

Gestärkt durch Wärme und Sicherheit kann sich das Kind im Laufe der Entwicklung lösen und die Abwesenheit mittels Übergangsobjekte ausgleichen (Winnicott, 1953). Bion bezeichnete das  „containing“ als Unterstützung der Mutter, die Ängste und Schmerzen des Kindes zu lindern, indem sie diese aufnimmt, verdaut bzw. umbildet und zurückspiegelt. Dies kann zu einer Ich-Stärkung führen und im psychotherapeutischen Setting durch nachreifende Introjektion erfahren werden (Bion, 1994, S. 96). Die Therapeutin forciert die Therapie der korrigierenden emotionalen Erfahrung, „corrective emotional experience“ (Alexander, 1980, S. 22), welche entwicklungsbedingte Defizite im Sinne einer Nachreifung durch Hypnose ermöglicht. Dies kann durch den bewussten Einsatz von Trancen und die aktive Fokussierung auf die Gegenübertragung mittels Wahrnehmung innerer Vorgänge wie etwa Bilder, körperlicher Empfindungen, Gefühle etc. durch den Therapeuten geschehen. Der Therapeut kann nun nach sorgfältiger Abwägung diese Wahrnehmungen dem Patienten in einer angemessenen Weise hinsichtlich der Patientenbedürfnisse mitteilen (Oswald, 2016, S. 10). Grundlage dafür ist eine vertrauensvolle und wertschätzende Arbeitsweise. Kanitschar nennt in diesem Zusammenhang das Vertrauen in die Fähigkeiten des Menschen, die Förderung persönlicher Autonomie und die ethisch korrekten Utilisierung von Trance als zentraler Werte für Hypnosepsychotherapie (Kanitschar, 2009, S. 4). Der Hypnosetherapeut hat in der Arbeit mit Hypnose die Möglichkeit, sich in eine „parallele Trance“ (Zindel, 2001, S. 327) zu versetzen und sich im Bewusstseinszustand einzustimmen.

 

Als Wirkfaktor kann hier die bestimmte Art von Beziehung mit dem Vertrauen des Patienten auf die Kompetenz des Therapeuten durch Akzeptanz, Einfühlung, Anteilnahme und Verständnis genannt werden (Harrer, 2008, S. 5). Die verlässliche Wiederholung von gelingenden Mikrointeraktionen kann in der therapeutischen Beziehung und im therapeutischen Prozess als korrigierende emotionale Erfahrung wirken. Besonders Heilsam ist für Klienten auch der Umgang mit Misserfolgen. So führt eine misslungene Interaktionen nicht zum Abbruch einer Beziehung, wie es oftmals in der Realität der Klienten erlebt wird. Die „Passung“ bzw. „attunement“ kann als Teil der Therapie erlebt und die therapeutische Beziehung wieder hergestellt werden (Harrer, 2008, S. 10). Im therapeutischen Verlauf wurden neben der tiefenpsychologischen Diagnostik und dem Strukturniveau auch die charakteristische Pathologie der Selbstwertpathologie und die Störung in der Autonomieentwicklung durch unzureichende Spiegelerfahrung berücksichtigt. Die Ambivalenz zwischen Versorgung und Entbehrung, dem Ringen um Selbstwertregulation und dem Kampf zwischen Selbstständigkeit und Abhängigkeit war im therapeutischen Geschehen deutlich spürbar. Autonomie versus Abhängigkeit wurde als zentrales Entwicklungsthema gesehen, mit dem Wünsch nach Selbstachtung, Selbstwert, und Selbstständigkeit. Im Zuge der ich-stärkenden Hypnosetherapie als Langzeittherapie (Brown & Fromm, 1986, S. 130) wurden, entlang der hypnosetherapeutischen Intervention nach Kanitschar, die Modi der „Ichstärkung mit Ressourcenaufbau und Übung“, die „Konfliktbearbeitung und korrigierende emotionale Erfahrung“ und die „Zukunfts- und Lösungsorientierung“ berücksichtigt. Die Modi ermöglichen im Laufe des therapeutischen Prozesses eine Feinabstimmung von hypnosetherapeutischen Strategien und Techniken, sind als Interventionsmodi nicht streng voneinander getrennt und gehen im Therapieverlauf ineinander über (Kanitschar, 2009, S. 8). Zudem wurde der Fokus auf die Selbstfürsorge und Achtsamkeit gelegt. Frau L. verfolgte das Prinzip Liebe und Anerkennung durch Leistung und Einsatz.

 

Die narzisstische Kränkung durch die Ablehnung der Herkunftsfamilie, die Bevorzugung des Stammeshalters, die Vertreibung aus der Region durch die religiös und kulturell gelebten Werte sowie gesellschaftliche Normen, führte zu einer Entfremdung. Das verstoßene und ungeliebte innere Kind sucht nach Liebe, Wärme und Anerkennung in Beziehungen und Beruf. Eine korrigierende Erfahrung kann zu einem Perspektivenwechsel und einer Adaptierung der Handlungsmuster führen. Die Welt, die wir erleben, hängt davon ab, worauf wir die Aufmerksamkeit lenken und aus welcher inneren Haltung wir diese wahrnehmen. Aus diesem Grund wurde im Therapieverlauf das Prinzip der Achtsamkeit berücksichtigt. Achtsamkeit bedeutet den Moment wahrzunehmen und den Fokus auf die gegenwärtige Erfahrung zu richten. Dies führt zu einer „bewussteren, detailreicheren und intensiveren Wahrnehmung der Innen- und Außenwelt“. In dieser kann das „beobachtende Selbst“ trainiert und ein „Innerer Beobachter“ aktiviert und gestärkt werden (Harrer, 2010, S. 20).

 

Frau L. konnte die Therapieangebote gut annehmen, die Hypnosen und zur Verfügung gestellten Trancen nützen und äußerte im Laufe der Therapie den Satz „Ich bin nicht die Summe der Meinungen der Anderen über mich und die Welt. Ich bin mehr, viel mehr als das. All das ist doch nur Schall und Rauch und verpufft“. Diese Fallvignette ist sehr verkürzt und nicht vollständig dargestellt. Es dient als mögliches Beispiel aus der Praxis und nicht stellvertretend für alle LGBT*-Personen.

 

Diversität und Inklusion in Wirtschaft und Gesellschaft

Diversität oder „Diversity Management“ ist zu einer bekannten Thematik in der sozialwissenschaftlichen Forschung sowie in der Wirtschaft und der Gesellschaft geworden. Auch die organisationale Praxis knüpft an den wissenschaftlichen Diskurs an und verfolgt Konzepte zu Heterogenität und Vielfalt (Buche et al., 2013, S. 484). Artikel 1 der Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte definiert die Freiheit und Gleichheit aller Menschen an Würde und Rechten.

 

Dabei hat jeder Mensch Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand (Vereinte Nationen, 1948, S. 1). Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union umfasst die Gesamtheit der bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte der europäischen sowie aller im Hoheitsgebiet der Union lebenden Individuen. Die Rechte unterteilen sich in die Würde des Menschen, die Freiheiten, die Gleichheit, die Solidarität, die Bürgerrechte und die Justiziellen Rechte und beruhen auf den in der Europäischen Menschenrechtskonvention anerkannten Rechten sowie Grundfreiheiten, den Verfassungstraditionen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, der Europäischen Sozialcharta des Europarates und der Gemeinschaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer sowie anderen internationalen Übereinkommen, denen die Europäische Union oder ihre Mitgliedsstaaten angehören (GRC, 2010). Die Rechtsvorschrift für Gleichbehandlungsgesetz regelt in Österreich die Gleichbehandlung in der Arbeitswelt von Frauen und Männern sowie Personen ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Orientierung. Teil drei regelt die Gleichbehandlung ohne Unterschied des Geschlechts oder der ethnischen Zugehörigkeit in sonstigen Bereichen (GlBG, 2004). Eine Diskriminierung auf Grund des Geschlechtes, der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Orientierung ist insbesondere untersagt. Die rechtlichen Bedingungen und die gesellschaftliche Akzeptanz von LGBT*-Personen veränderten sich im Laufe der Geschichte und beeinflussen die Lebenswelten und Lebensweisen. Eine Offenlegen bzw. „Outing“ der sexuellen Orientierung wird aufgrund einer befürchteten Schlechterstellung selten forciert. Eine Studie der Arbeiterkammer Wien zur Arbeitssituation von LSBTI-Personen in Österreich im Jahr 2017 befragte  1.268 Personen zu ihrer Erwerbs- und Arbeitssituation, zu erlebten Diskriminierungen und Benachteiligungen sowie zu möglichen Abhilfen und Unterstützungsbedürfnissen befragt. Die deutliche Mehrheit der Befragten lebt dabei cis-geschlechtlich, 8% sind trans*sexuell bzw. -ident, 1% intersexuell.

 

Eine gleichgeschlechtliche Orientierung geben 70% der Befragten an (40% schwul, 30% lesbisch), drei von zehn definieren sich orientierungsdivers, z.B. bisexuell, queer oder pansexuell. Schätzungen zufolge arbeiten in Österreich 2017 zwischen 200.000 und 300.000 Beschäftigte, die mindestens einer der Kategorien der Abkürzung „LSBTI“ angehören. Dabei sind 70% der befragten LSBTI-Beschäftigten als Angestellte tätig, 15% als öffentlich Bedienstete und nur 5% sind als Arbeiter tätig. Die Hälfte der Befragten ist in den Branchen: Gesundheit und Pflege, Unterrichts- und Erziehungswesen, Informations- und Medienbranche, öffentliche Verwaltung, Industrie und Gewerbe sowie Wissenschaft und Forschung tätig. Diese Bereiche verfolgen  anders verlaufende Berufsbiografien, wonach LSBTI-Personen häufiger in Angestelltenpositionen und Berufsfeldern tätig sind, die als liberaler gelten. Für LSBTI-Personen stellt sich häufig die Frage, ob sie ihre gleichgeschlechtliche Orientierung bzw. ihre Geschlechtsidentität als trans* oder intersexuell offenlegen oder verheimlichen.

 

Jede Fünfte Frau verheimlicht ihre sexuelle Orientierung bzw. Geschlechtsidentität in der Arbeit. Knapp ein Viertel der Befragten (23%) spricht in der Arbeit bewusst über die eigene sexuelle Orientierung bzw. Geschlechtsidentität. 9% lassen hingegen die Kollegen und Vorgesetzten in einem falschen Glauben und 9% halten sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität komplett geheim. Die häufigsten Gründe für ein Nicht-Outing sind die Privatsphäre und die Angst vor Verschlechterung der Arbeitsbeziehungen (Schönherr & Zandonella, 2017, S. 6f.).Unternehmen buhlen am Arbeitsmarkt um die besten Köpfe. Die Überalterung der Gesellschaft und der Fachkräftemangel führt Unternehmen dazu, „Diversity und Inklusion“ in den Vordergrund zu stellen und in die Unternehmens- sowie Führungsstrategie zu integrieren. Die „don’t ask, don’t tell“ Thematik wurde in Studien des US-Militärs sowie in unterschiedlichen Industrien und Ländern diskutiert. Auch in den Bereichen der Gesundheitsversorgung und die Gesundheitsdienstleister zögern LGBT*-Personen ihre sexuelle Orientierung aufgrund einer möglichen Schlechterstellung zu offenbaren (Eliason & Schope, 2001, Botti & D’Ippoliti, 2014). Rund 48% der LGBT*-Personen in Österreich hat bereits eine persönlich Diskriminierung oder Belästigung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erfahren und 10% der österreichischen Gesamtbevölkerung bezeichnet sich als etwas anderes als „ausschließlich hetero­sexuell“ bzw. als „lesbisch, schwul oder bisexuell“ (Bräuhofer & Rieder, 2019, S. 2f.).

 

In einigen Staaten Europas konnte in den letzten Jahren ein politischer Rückschritt im Sinne der Gleichbehandlung festgestellt werden, die Gleichberechtigung der LGBT*-Personen rückt jedoch langsam aber stetig in den Fokus der Öffentlichkeit, insbesondere die gleichgeschlechtliche Ehe und die Diversität am Arbeitsplatz. Dies zeigt sich auch in den Kaufentscheidungen der Konsumenten. Mehr als 45% der Nutzer unter 34 Jahren einer Google-Verbraucherumfrage kaufen mit größerer Wahrscheinlichkeit wiederholt bei einem LGBT*-freundlichen Unternehmen und der Großteil der Millennials zeigt kein Verständnis für Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung (Bräuhofer & Rieder, 2019, S. 9). Das Hernstein Institut für Management und Leadership der Wirtschaftskammer Wien zeigt in der Befragung von 1.585 Führungskräften Entwicklungspotenziale auf. 23% der Befragten bemängeln eine fehlende Politik der Vielfalt im Unternehmen. Die Hälfte der Führungskräfte erkennt die Notwendigkeit einer innovativen Personalpolitik und den Bedarf, sich auf Fragen der Diversität vorzubereiten (vieconsult, 2017). Die Ergebnisse aus 2019 zeigen kaum Veränderung. 28% der 1.530 befragten Führungskräfte bemängeln fehlende, jedoch geplante Diversitätsmaßnahmen und für knapp die Hälfte der Unternehmen ist Diversität noch ein Neuland (Triple M, 2019).

 

Conclusio

„Es ist was es ist“, schrieb Erich Fried im Jahr 1983 und versuchte damit, die Angst vor der Liebe zu nehmen und diese trotz unterschiedlicher Schwierigkeiten zuzulassen (Fried, 1996, S. 43).  Jackie DeShannon singt in dem von Hal David geschriebenen und Burt Bacharach komponierten Lied „What the world needs now is love, sweet love“ von der metaphorischen Bedeutung „no not just for some, but for everyone.

 

Die öffentliche Akzeptanz und die rechtlichen Grundlagen von LGBT-*Personen verbesserten sich in Österreich in den letzten Jahren. Die sexuelle Orientierung führt dennoch zu Ausgrenzung, Benachteiligung, Diskriminierung oder Gewalt in privaten und beruflichen Kontexten. Die Gesellschaft, die Wirtschaft und der Bildungsbereich sind gefordert, die Gleichberechtigung voranzutreiben und Gesetzgrundlagen einzuhalten. Führungskräfte und Personalabteilungen sind angehalten, Vertrauen zu bilden, Richtlinien und Schulungen umzusetzen und somit zur Sensibilisierung beizutragen. Die Branche Gesundheit und Pflege zählt u.a. zu den liberalen und unterstützenderen Arbeitsbereichen. Inklusion sexueller Vielfalt in Gesundheits- und Pflegberufen sowie in der Pflege von pflegebedürftigen LGBT*-Personen könnte im Sinne eines humanistischen Menschenbildes zu einer tatsächlich gelebten Vielfalt in der Gesellschaft beisteuern. Durch Psychotherapie können seelisch bedingte Probleme, die das Denken, Fühlen, Erleben und Handeln eines Menschen beeinflussen oder einschränken, behandelt und gelindert werden.

 

Die Psychotherapie versteht den Körper und die Seele als Einheit und kann als wissenschaftlich fundiertes Heilverfahren zur Verbesserung psychischer und psychosomatischer Beschwerden beitragen. Das seelische Ungleichgewicht kann die Ursache oder der Ausdruck für Krankheiten, Symptome oder Leidenszustände sein. Die Psychotherapie arbeitet mit Individuen und den Dimensionen der individuellen Geschlechtsidentität: Die Zufriedenheit mit der eigenen Identität, dem eigenen Geschlecht und die Möglichkeiten sowie die Art sexuelle Orientierung zu leben sind für Klienten sowie Angehörige vielfach wesentliche Inhalte der Therapie. Die Hypnosepsychotherapie kann dazu beitragen, entwicklungsbehindernde sowie vergangene Ereignisse, Erfahrungen und Traumata durch Bewusstmachung und Aufarbeitung im Sinne einer korrigierenden Erfahrungen zu integrieren und das Selbst zu stärken.

 

Das Individuum wird in der Therapie vorurteilsfrei, in seinem vollen entwicklungs- und lerngeschichtlichen, systemischen und zukunftsorientierten Rahmen gesehen, angenommen und neue Entwicklungsschritte gefördert.

 

 

Quellen

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Botti, F., & D’Ippoliti, C. (2014). Don’t ask don’t tell (that you’re poor). Sexual orientation and social exclusion in Italy. Journal of Behavioral and Experimental Economics, 49, 8–25. https://doi.org/10.1016/j.socec.2014.02.002

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